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Full text of "Das goldene Seil : ein Schattenspiel der Liebe in vier Akten"

Digitized by the Internet Archive 
in 2013 



http://archive.org/details/dasgoldeneseileiOOstek 



Wilhelm Stekel 



Das goldene Seil 

Ein Schattenspiel der Liebe 
in vier Akten 




Wien 
Verlag Paul Knepler (Wailishausser'sche Buchhandlung) 



Von diesem Buche wurden 50 Exem- 
plare als numerierte Vorzugs- 
ausgäbe in Hai bieder, vom 
Autor signiert, bergest ef/t. 



Druck von Jon. N. Vernay in Wien, IX. Canisiusgasse Nr. 8—10. 



Personen : 

Der König 

Celesta, die Königin 

Der Marschall, Majordomus des Reiches 

Der Herzog 

Der Maler 

Der Kanzler 

Carina, eine Herzogstochter 

Marietta, ihre Kammerzofe 

Der Kastellan 

(Gefolge des Königs, Wachen, Offiziere u. s. w.J 



Die Handlung spielt zur Zeit der Renaissance in Oberitalien. — Zwischen 
dem ersten und zweiten Akte liegt ein Zeitraum von vier Wochen. — 
Der zweite, dritte und vierte Akt spielen sich innerhalb vierundzwanzig 

Stunden ab. 



Erster Akt. 

(Der große Empfangssaal im Schlosse der Herzogin Carina. Vor dem weit' 
geöffneten Bogenfenster, durch das man blühende Pfirsichbäume und einen 
sich in weiter Feme verlierenden Weg sieht, befindet sich eine Erhöhung 
mit zwei Stühlen. Der eine ist prunkvoll, der andere etwas niederer und 
bescheiden. Die Herzogin Carina tritt mit M arietta ein, ivelche ihr die 

Schleppe nachträgt.) 

Erste Szene. 

Herzogin: 
Geschicklichkeit, so sagte meine Mutter, 
Ist eine Tugend, die uns jede Gunst 
Erschließt; dir ist sie sicher nicht zu eigen! 
Wie du an meiner Schleppe achtlos zerrst! 
Geh ich nach rechts, so ziehst du sie nach links 
Und geh ich vor, so bleibst du plötzlich stehen. 
Ist es kein Scherz, so scheint es böser Wille — 
Und beides ziemt der — Kammerzofe nicht. 

Marietta 

(schnippisch, gereizt): 

Ich dulde gern der Andern böse Launen. 
Ich trage mehr als diese Schleppe nach . . . 

Herzogin: 
Wie oft hob ich der Mutier schon gezürnt, 
Daß sie die Zofe mir als Erbstück gab! 
Wie war es möglich, daß du m i r gehorchst! 

Marietta: 
Habt Ihr vielleicht zu klagen, gnädige Frau? 

Herzogin: 
Laß dieses lächerliche „gnäd'ge Frau u ! 
Ich bin nicht gnädig. Gnade ist bei Gott. 
Ich bin ein Mensch und brauche fremde Gnaden. 



M arietta: 

Ihr, Herzogin, Ihr brauchtet fremde Gnaden?! 
Die reichste Erbin in dem ganzen Land, 
Die vielgepriesene Schönheit, deren Lob 
Die weitgereisten Sänger gern verkünden! 

Herzogin: 

Verhaßtes Wortgeklingel! Einsam bin ich. 

Einst warst du Schwester und Genossin mir, 

Obgleich aus fremden Stamm, mit mir erzogen. 

Seit du mir Zofe bist, hob ich die Schwester, 

Die Freundin habe ich verloren. Ach, 

Die Mutter starb und schon drei lange Jahre 

Seh ich den Tag in seine Nacht versinken 

Zwecklos. Der eine geht, der andre kommt. 

So schwindet mir die erste Jugend hin. 

Ich bin allein. Wozu die schönen Kleider? 

Wozu der stolze Prunk, das weite Schloß? 

Marietta: 

Ihr habt es nur Euch selber zuzuschreiben. 

Den Büchern lebt Ihr — lernt Latein und Griechisch — 

Dem wahren Leben seid Ihr fremd und feind. 

Den besten Freiern weist Ihr stolz die Tür, 

Sucht Einsamkeit, um dann sie anzuklagen, 

Verlangt das Leid, weil es Euch glücklich macht. 

Ihr liebt die Schwärmerei, seid gern allein 

Und klaget dann, daß man allein Euch lasse. 

Ihr kleidet Euch nach Eurer Träume Launen, 

Empfanget Gäste Eurer Phantasie . . . 

Herzogin: 

Heut schmückt' ich mich, den Frühling zu empfangen. 

Die innere Stimme hieß mich also tun. 

Heut wird ein großer Tag, Marietta — sicher. 

Marietta: 
Was nennt Ihr, Herrin, einen großen Tag? 



Herzogin: 
Ein Tag, an dem sich unser Schicksal wendet. — 
Auch träumte mir Glaubst du an Träume, sag? 

Marietta: 
Ich laß mir gerne Gutes prophezeien, 
Vor schlimmer Botschaft schließ ich meine Ohren. 
Den Träumen glaub ich, wie wir Männern glauben: 
Wenn sie uns künden, was wir gerne hören . . . 

Herzogin: 
Wie oft hob ich dich um den leichten Sinn 
Beneidet! Ach, ich hob ein schweres Blut. 
Das Trübe zieht mich an und düstre Ahnung 
Ergreift mich häufiger als Glücksgefühl . . . 

(Geht zum Fenster und blickt auf die Landschaft.) 
Mein Herz ist schwer . . . Die Luft scheint mir erfüllt 
Von banger Ahnung eines nahen Unheils 
Und rote Funken sprühen aus den Blüten! 

Marietta: 
Oft schon gelang es mir, mit einem Lied 
Den düstern Geist zu bannen, der Euch quält. 
Soll ich Euch nicht ein Frühling sliedchen singen? 
(Marietta ergreift die Laute und setzt sich ans Fenster, wo sich 
Carina sinnend niedergelassen hat.) 

Herzogin: 
Mach was du willst . . . Gut . . . Sing dein Frühlingslied . 

Marietta 

(singt und begleitet sich auf der Laute): 

Wenn die schönen Tage kommen 
Und die Pfirsichbäume blühn, 
Schlägt das Herz mir so beklommen, 
Wie vom Frühlingsrausch benommen 
Fühl ich meine Wangen glühn. 
Wenn die schönen Tage kommen . . . 



Wenn die schönen Tage kommen . . . 
Meine Glieder werden schwer, 
Keine Arbeit kann mir frommen 
Und der Liebste will nicht kommen, 
Ach, wo nehm 1 ich einen her? 
Wenn die schönen Tage kommen . . . 

Herzogin 
(nimmt ihr die Laute aus der Hand): 

Hör auf! Du weckst verhaltne Sehnsucht nur 
Und schaffst mir solche böse Träume wieder . . . 
Du girrst und gurrest wie ein Turteltäubchen, 
Das werbend sich das heiße Männchen lockt. — 
Was Liebe ist, ich kann es nicht begreifen. 
Was ich von Männern sah, war plump und roh 
Und reizte wahrlich eher mich zum Lachen, 
Als es zum leichten Liebes spiel mich lud. 

Marietta: 
Der Rechte kommt — dann wird das Spiel zum Ernst. 

Herzogin: 
Und wie er'kenn ich, wer der Rechte ist? 

Marietta: 
Das sagt das Herz. Kein andrer kann es künden. 

C arina : 
Doch meine Mutter warnte mich und sprach: 
Trau deinem Herzen nicht! Das ist gefährlich! 
Laß immer auch dein Köpfchen mitentscheiden. 
Ich weiß, daß sie den Rechten nicht gefunden. 
Die arme Mutter! Oft traf ich in Tränen 
An diesem Fenster sie, und ihre Augen, 
Sie blickten starr und weitgeöffnet wie 
Im Traum in eine nebelhafte Feme . . . 
dieser Blick! Ich seh ihn stets vor mir . . . 
Mir graut es, wenn ich an die Männer denke. 
Soll ich dann auch am Fenster sehnend sitzen 
Und zu den Sternen nach dem Rechten sehn? 



Marietta: 
Ihr nehmt die Liebessachen viel zu schwer. 
Die Freier ziehn sich alle scheu zurück — 
Und — daß icKs Euch gesteh' — es gab schon welche. 
Die ich . . . die Zofe . . . liebenswert gefunden. 
Ich weiß es wohl, ich bin ein leichtes Blut . . . 
Ich könnte mich durch alle falsche Wahl, 
Durch Schwarze, Blonde bis zum Rechten lieben. 
Mein Gott, mir wird ein jeder Mann gefährlich, 
Ein jeder scheint in einem Punkt begehrlich. 
Gesteht: ich bin in diesen Dingen ehrlich! 

C arina : 
Dein Blut ist wild. — Ich bin aus andrem Holz. 
Ich hasse Spielerei mit ernsten Dingen, 
Ich hasse den Versuch, das blinde Tasten, 
Ich will die Sicherheit, die selig macht. 
Mißtrauen füllt mein Herz. Liebt mich der Freier? 
Frag ich mich immerdar. Liebt er mein Geld, 
Liebt er die eitle Schönheit meiner Züge? 
Würd 1 er mich lieben, wenn ich arm geworden, 
Wenn eine Krankheit häßlich mich gemacht? 
Ich mag auch keinen Mann, der andre liebte. 
Ich biete meinen Lippen nicht ein Glas, 
Aus dem vor mir schon andere getrunken! 
Wie widerlich ein Mann, der seine Siege 
Beim Wein in Übermut' gen Worten preist! 
Ach, der Gedanke, daß der Mann vor mir 
Schon hundert andere geküßt — gekost 
Mit feilen Dirnen oder leichten Frauen — 
Erstickt mein Feuer, eh es aufgelodert. 

Marietta: 
Sucht Ihr denn ivirklich einen Tugendbold? 
Da könnt Ihr wohl die ganze Welt durchwandern, 
Von Nord nach Süd, von Ost nach West — 
Ich zweifle, ob der Herr sich finden läßt. 
Was ich von keuschen Männern sah, war kaum 
Der Mühe wert, die Tugend hochzuschätzen. 
Der eine blöd, der andre schüchtern wie 



Ein Mädchen und der dritte ein Asket. 
Mich reizt ein Mann, der viele Herzen brach, 
Den rot ein Schein von wilder Glut bekränzt . . . 
Ich träume oft, ich zwinge diesen Mann, 
Und meinetwegen läßt er alle andern. 

C arina : 
Als ob ein Mensch sich so verändern ließe! 
Die Liebe, sagt man, könne Wunder wirken — 
An dieses eine Wunder glaub ich nicht 
Wer viele liebt, wird niemals eine lieben. 

Marietta: 
Von unserm jungen König spricht man doch, 
Daß er der schönen Gattin treu gewesen, 
Obgleich vorher ein wilder Frauenjäger. 

C arina : 
Dein Beispiel gibt nur meinen Worten recht 
Nach einem Jahr jagt er die Frau davon 
Und fängt sein wüstes Leben wieder an. 
Kein Weib im ganzen Reich ist vor ihm sicher. 
Und wie der König, so ist auch der Hof. 

Marietta: 
Der ganze Hof? Ich hab genaue Kunde, 
Daß doch ein Mann der Tugend Untertan . . . 

C arina : 
Der Herzog? Den sie stets den Ritter nennen, 
Des Königs Freund, der Feldherr seiner Truppen, 
Ein Held im Kampf und — auch ein Tugendheld! 

Marietta: 
So ist sein Ruf. Ich trau dem Manne nicht, 
Ein heimlich Lieben muß er schlau verbergen. 

C arina : 
Es urteilt jeder, wie er sich erkennt 
Man sprach vom Ritter, er sei liebeskrank, 
Was er ersehnt, sei unerreichbar ihm . . . 



10 



M arietta : 
Ihr meinet . . . unsere Königin . . . Celesta . . . 

C arin a : 
Die arme Frau! Von ihrem Mann verjagt, 
Verstoßen, unbekannt weshalb, verbannt 
Und einsam, traurig, auf dem Schloß gefangen . . . 

M arietta: 
Es heißt, sie fährt dem König heimlich nach, 
Sie will sein Antlitz aus der Ferne sehn. 
Sein Anblick ist's allein, wovon sie lebt. 
Wißt Ihr den Grund, weshalb der König . . . ? 

C arina : 
Der Kastellan erzählte mancherlei. 
Der König sehnte sich nach einem Erben, 
Sie aber solle so geartet sein, 
Daß ewig unfruchtbar die Liebe bleibe . . . 

(Pause.) 
Doch laß uns jetzt nicht mehr von Liebe reden. 
Mir ist so sonderbar zumut — es preßt 
Die schwüle Frühlingsluft die heißen Schläfen — 
Und trotzdem rieselfs kühl durch meine Glieder, 

Als ob mich eine Hand betastete 

Als hält ein Mensch den Blick auf mich gerichtet — 
Groß steht er da, starrt mich verlangend an . . . 

M arietta : 
Das ist der Lenz und ungestillte Sehnsucht . . . 

C arina : 
Dein ganzes Denken geht in Liebe auf, 
Frühling und Sehnsucht — andres weißt du nicht. 
Ich fühle, was dein Aug' nicht sehen kann . . . 
Ich fühle, daß mein Schicksal sich entscheidet, 
Als eilte jetzt das Unheil auf mich zu — 
Als brächt' es im Gefolge auch mein Glück . . . 

M arietta : 
Ihr ängstigt mich. Ihr sprecht doch nicht im Fieber? 



11 



C arin a : 

Siehst du die Straße, die zum Walde führt? 
Mir ist, als ob sich eine dunkle Kraft 
Auf diesem Wege nähere. Ich sehe. 
Wie eine Riesenhand mich greifen will. 
Siehst du die Wolken, die der Staub erzeugt? 
Hörst du nicht, wie der harte Boden dröhnt, 
Da ihn der Rosse Hufe schnell berühren? 

Marieita : 
Nun, heute träumt Ihr wieder offnen Auges. 
Ich bin's gewohnt, daß Eure Phantasie 
Die dürre Heide unsres stillen Lebens 
Mit wundersamen blauen Blumen schmückt. 
Ich muß gestehn, ich seh und höre nichts. 

C arina 
(drängend): 

Wie bist du blind und taub dem Wunderbaren! 
Ich sehe Wirbelwolken, Staub, ich höre, 
Wie laut der Huf schlag auf dem Wege dröhnt. 
So sieh doch nur! Dort auf der Höhe! Oben! 
Marietta! Jetzt! Du mußt, du mußt es sehn! 

M ariett a : 
Wahrhaftig, deutlich seh ich's jetzt, vernehme. 
Was Euer feines Ohr schon längst gehört. 

C arina : 

Wie sie den steilen Berg herunterrasen! 

Ein schwarzer Ritter, stolz und wohlgestaltet, 

Als erster, weit dem ganzen Troß voran. 

Marietta: 
Schon sprengt er auf den tiefen Graben zu . . 

C a r i n a : 
Verwegner! Wenn er nicht die Brücke findet! 
Er hält vorm Schloß. 

(Man hört ein Trompetensignal.) 



Was ist das für ein Zeichen? 
(Pause.) 
Die Brücke senkt sich demutsvoll herab — ?! 

M arietta: 

Er springt vom Roß und grüßt den Kastellan — 

C arin a : 
Was soll das heißen? Wurde ich befragt? 
Gleich soll der Kastellan mir Rede stehn! 

Marietta: 
Ach Gott! Laßt ihn doch ein, den fremden Ritter! 
Wir haben Männer lang genug entbehrt! 

C arin a : 
Sprich nicht so! .. Wir! 4 * Ich brauche keine Männer! 
Jetzt eile rasch und bring den Kastellan! 
(Marietta ab. — Pause; die Herzogin sieht unruhig zum Fenster hinaus.) 



Zweite Szene. 

Kastellan: 
Erhabne Herrin, zürnt mir nicht. Es war 
Des Königs Zeichen, das der Herold blies! 
Der Herzog will im Namen seines Königs 
Persönlich eine frohe Kunde bringen. 

C arin a : 
Dem Ruf des Königs fallen alle Brücken, 
Die Tore öffnen sich auf sein Geheiß. 
Sein Bote ist auf meinem Schloß willkommen. 

(Der Kastellan öffnet die Türe. Der Herzog, ein bartloser, auffallend 
schöner Mann mit weichen, weiblichen Zügen, die sich bei plötzlichen Ent- 
schlüssen ändern und starr und männlich werden, tritt ein. Er blickt lange 
auf die Herzogin, ohne ein Wort zu sagen. Auch sie blickt auf ihn mit 
steigender Erregung und mühsam zurückgehaltener Neugierde. Es ist pein- 
lich still im Saale. Marietta betrachtet ihn kokett und versucht vergeblich, 
seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Der Herzog senkt plötzlich ver- 
legen den Blick.) 

IS 



C arin a : 
Ein langes Schweigen spricht oft mehr als Reden. 
Auch Euer Schweigen, Herzog, spricht beredt. 
Wer Gutes bringt, dem fehlt es nie an Worten. 
Die schlimme Nachricht zieht sich scheu zurück. 
So brech ich dieses langen Schweigens Bann 
Und heiße Euch willkommen auf dem Schlosse! 

Herzog: 
Das Reden ist sonst meine Sache nicht, 
Mein Schwert war rascher stets als meine Zunge. 
Seid mir gegrüßt im Namen meines Königs 
Und fügt auch freundlich meinen Gruß hinzu. 
Verzeiht, ich blickt'' Euch lange forschend an — 
Nicht Neugier war es und nicht Lüsternheit, 
Denn beides liegt mir ferne. Es war — Pflicht. 

C arina : 

Habt Ihr den Auftrag nur, mich zu betrachten? 
Bin ich ein Marktstück, das der Kenner prüft? 
Doch jetzt, habt Ihr Euch endlich sattgesehen, 
Satthören möchtf ich mich. Was will der König? 

Herzog: 
Sprecht Ihr vom Sattsein und von Sättigung? 
Ich hasse satte Menschen jeder Art. 
Sattsein ist Friede, Hunger ist der Kampf. 
Und ohne Kampf scheint mir das Leben schal. 
Doch nicht um Schmeichelworte schön zu drechseln 
Gesteh ich Euch: Ich habe mich noch immer 
Nicht sattgesehen — ich bin noch nicht fertig. 
Wer seinen Blick in seine Rede zwingt, 
Der Zunge Meister und des Auges Herr, 
Hat leichtes Spiel. Das könnt 9 ich nie. Ich habe 
Schönheit mit Muße nie gesehn; Ihr seid 
Die erste Frau, die . . . die ich wirklich sehe. 

C arina : 
So kurz sind wir bekannt und schon, Herr Herzog, 
Muß listiger Verstellung ich Euch zeihen. 



U 



Ihr seid nicht Herr der Rede, sagtet Ihr? 

Die Form nicht, nein, der Inhalt macht den Wert. 

(Pause.) 
Ihr schätzt den Hunger — das kann ich verstehn. 
Doch allzulange hungern macht auch krank. 
Die tiefe Einsamkeit auf diesem Schlosse, 
Sie lehrte mich Geduld, und meine Sehnsucht 
Durchflatterte die Stille dieser Tage, 
Die kein Ereignis jählings unterbrach. 
Mit Heroldsruf dringt Ihr in diese Räume — 
Doch was Euch herführt, sagt Ihr leider nicht. 
Ihr scheint von jener seltenen Art zu sein, 
Die stets Erfüllung in die Ferne rückt. 

M ariett a : 
So drängt ihn doch, die Botschaft uns zu sagen, 
So lange Spannung kann ich nicht ertragen. 

Herzog: 
Die Sehnsucht ist J s allein, die uns beglückt. 
Erfüllung, sie ist gar zu oft Enttäuschung. 
Seh ich, wie gierig alle Menschen jagen 
Nach jeder Lust, von Hoffnung stets gelockt, 
Zu überbieten, was sich schon geboten, 
Da fühle ich, wie sehr ich anders bin. 
Ich lebe alles vor. In meiner Seele 
Erblüht, was künftig ist, in reichen Farben, 
Die Bilder wechseln, jede Möglichkeit 
Wird mir in tausendfacher Form gewährt. 
So hob ich alles mehrfach schon gelebt, 
Eh ich es einmal wirklich ganz durchlebte. 
Mein Glück, es war das Bild, das mich umschwebte 
So meid' ich weise der Enttäuschung Qual. 
Die Wirklichkeit erscheint mir leer und schal. 

C arin a : 

Ihr seid ein Träumer, der sein Glück verträumt, 
Ein Dichter, der die Gegenwart versäumt . . . 
Nun erst begreif ich, was die Fama kündet: 
Ihr hättet noch kein sterblich Weib geküßt. 



io 



Am Hof des Königs, der nach Liebe jagt, 
Habt Ihr noch nie ein Liebesspiel gewagt. 

Herzog: 
Ich bin Soldat Das rauhe Kriegeshandwerk 
Läßt wenig Raum für Küssen und für Kosen. 
Mir blühn nur auf dem Schlachtfeld rote Rosen. 
Wenn alle Welt von Liebesfreuden singt — 
Ich kann es nicht, kann nicht den Reigen tanzen, 
Ich dichte nicht süßwerbende Romanzen. 
Ich such das Weib, das mich zur Liebe zwingt. 
Auf diese harr' ich. Bis ich sie gefunden, 
Bleibt mir der Segen, den die Sehnsucht bietet. 

C arina : 

Wenn ich Euch recht versteh, Euch scheint der Hunger 
Nach Liebesglück nicht allzuschwer zu drücken. 
Das Suchen fehlt . . . Wer nach dem Glück nicht lechzt; 
Der ist schon satt Den kann man nicht beglücken. 

Herzog: 
Wo lebt der Mensch, der nicht nach Liebe lechzt? 
Wer sehnte sich nach der Erfüllung nicht? 
Doch sehn 1 ich mich nicht nach dem Weib als solchem, 
Ich sehne mich allein nach einem Weibe. 
Noch klarer drückt' ich's aus: nach meinem Weibe. 

C arina : 
Und lockt Euch denn des Königs Beisjnel nicht? 

Herzog: 
Der König sucht, von ewigem Durst verzehrt . . . 
So sucht der Mensch, der alle Frauen ehrt. 

C arina : 
Nennt Ihr das Ehren? Dieses wilde Jagen 
Nach Sinnenlust, das jeder Hemmung bar? 

Herzog: 
Er scheint nicht leicht an dieser Jagd zu tragen. 
Daß er nicht glücklich ist, erfaß' ich klar. 



10 



Er sagt wohl, ein erobert schönes Weib, 

Das wiege wie im Krieg ein stolzer Sieg — 

Doch niemals sah ich ihn im Siegestaumel, 

Wie ihn der sieggekrönte Feldherr fühlt. 

Er liebt, er schwärmt, scheint lichterloh zu brennen 

Ein kurzer Rausch — und er ist abgekühlt. 

Mir fehlt der Mut zu solchen leichten Siegen. 

Im Felde stell' ich gerne meinen Mann. 

Bei jedem Weibe muß ich unterliegen. 

Da faßt mich eine Scheu, mich drückt ein Bann, 

Als wollte Fremdes in mein Inneres dringen . . . 

Warum erzähV ich Euch von diesen Dingen, 

Die ich mir selbst nie zu gestehen wagte? 

Wie kam's, daß ich Euch meine Schwäche klagte? 

C arina : 
Weil unbewußt ein Sinn Euch kundgegeben, 
Daß ich aus gleichem, spröden Holze bin: 
Wie liebeleer verträumte ich mein Leben, 
Es fehlt auch mir des Eros leichter Sinn. 
Ich scheu' die Männer, fürchte Niederlagen, 
Ich such den Mann, der mich zur Liebe zwingt. 
Mir scheint die Sehnsucht leichter zu ertragen, 
Als daß der Liebe großer Wurf mißlingt . . . 

Herzog: 
So hat bis heut kein Weib zu mir gesprochen. 
Ihr gönnt im Reden seltensten Genuß, 
Erratend, was man Euch verschweigen muß. 
Mit Euch zu schweigen wollt' ich gern erproben. 
Wenn es gelingt, würd' ich den Himmel loben. 

C arina : 

Es gilt nur den Versuch. Doch diese Kunst, 
Sie macht Euch selber wahrlich große Ehre. 
Noch immer hob' ich keinen blauen Dunst, 
Was Euer Auftrag von dem König wäre. 
Ihr sagt mir viel, doch, Herzog, im Verschweigen 
Wollt Ihr, so scheint es, mir den Meister zeigen! 

SttUl, Das goldene Seil. 2 



17 



M arietta : 
Herrgott, ich misse das Gerede gern, 
Erfährt man endlich mir der Sache Kern. 

Herzog: 
Verdammter Auftrag! Doch Ihr wünscht ja Klarheit: 
Der König hat von Eurer Schönheit Kunde; 
Ob, was die Sänger preisen, auch die Wahrheit, 
Mein Freund, der König, wilVs aus meinem Munde 
Erfahren. Ja, ich soll sein Auge sein, 
Ob Eure Schönheit Wahrheit oder Schein! 

C arina : 
Seid Ihr des Königs prüfend Auge denn? 
Ich hielt Euch immer für des Herrschers Schwert, 
Für seinen starken Arm. 

Herzog: 

Ich bin sein Freund. 
So seltsam es erscheint: Ich prüfe stets 
Und wähle vorher, was der König liebt. 

C arina : 
So habt Ihr auch die Königin gewählt? 

Herzog: 
Daß ich y s gesteh: sie war die einzige Frau, 
Die würdig schien, den Königsthron zu schmücken. 

C arina : 
Wie? Muß ich Euch der Lüge zeihn? Ihr sagtet 
Doch eben nur, ich sei das erste Weib, 
Das Ihr gesehn. — Bei unsrer Königin 
Ward Ihr doch jedenfalls nicht blind, Herr Herzog — i 

Herzog: 
Daß Königinnen auch nur Frauen sind, 
Mahnt Ihr mich nun. Ich hätl' es fast vergessen. 
Sie stand zu hoch. Nie war ich so vermessen. 
Ich liebte sie, wie man die Freundin liebt, 
Ich schätzte sie, wie man die Herrin schätzt, 
Die Ehrerbietung hob ich nie verletzt . . . 



18 



C arin a : 
Wo wart Ihr denn, dies edle Weib zu schützen, 
Als sie der König wutentbrannt verstieß? 

Herzog: 
Ich war im Feld. Erst heimgekehrt vernahm ich, 
Daß sie die schwerste Schuld auf sich geladen. 
Der König sprach nicht gern davon und schwieg, 
Wenn ich von dem Ereignis reden wollte. 
Er wurde zornig und in wilder Wut 
Entflammte sich sein sonst so sanfter Sinn. 
Und wenn er raset, ist er fürchterlich. 
Ich schwieg aus Vorsicht und ich schwieg aus Pflicht. 
Der König aber hat sie ausgelöscht 
Aus seinem Herzen und aus seinem Hirn. 
Und meine Sendung: wenn Ihr mir gefallt, 
So biet ich Euch . . . die Königskrone an! 

C arin a : 
So unbedingt vertraut der König Euch? 
So unbedingt ist seine Liebe sicher, 
Wenn Euer Auge seine Wahl getroffen? 
So seid Ihr auch nicht schuldlos an dem Treiben 
Und Euer Auge hat schon oft entschieden. 
Was Eurem Auge zusagt, der Geschmack 
Des Kenners eines Königs wert befunden, 
Das wird das Opfer eines frevlen Spiels. 
Daß Ihr dies wüste Leben unterstützt, 
Herzog, ich muß gestehn, das kränkt mich tief! 

Herzog: 
Mein Beispiel ist es nicht, das Laster lehrt. 
Wie oft hob ich's versucht, mit wieviel Schlauheit, 
Den König diesem Treiben zu entreißen! 
Von allen Frauen, die ich ihm erwählt, 
War jede eine Nacht nur Königin. 
Nun ist er's müde, stets enttäuscht zu werden. 
Er fühlt sich sündig; schlaflos manche Nacht 
Fleht er zu Gott: Errette mich vom Bösen! — 
Seid Ihr die Frau, den König zu erlösen? 

2* 

19 



C arina : 
Und warum ich? Es gibt so viele Frauen, 
Die dieser Antrag sicher glücklich macht. 

Herzog: 
Die schönste Frau, so hofft der König jetzt, 
Wird ihm die Liebe und die Treue lehren . . . 

C arina : 
Die Form der Werbung hat mich schon verletzt! 

Herzog: 
Der Sinn der Werbung muß Euch füglich ehren! 

C arina : 
Ich fühle nur die ungeheure Schmach. 
Wie eine Ware werde ich betrachtet — 
Warum? Weil irgendwo mit Weh und Ach 
Ein satter Sünder nach Erlösung schmachtet! 
Ernst prüft ein andrer meiner Reize Macht, 
Dann reichen sie — für eine Liebesnacht! 
Warum hat sich der Herr nicht selbst bemüht, 
Wenn seine Seele so nach Rettung glüht? 
Warum soll Euer Aug' allein entscheiden 
Ein Menschenlos — das Ende seiner Leiden? 

Herzog: 

So einfach ist des Königs Prüfung nicht. 

Des Königs bester Maler, fast sein Freund, 

Kommt heute noch in dieses Schloß. Er blieb 

Am Wege stehn, er sah ein schmuckes Häuschen 

Und einen alten Lindenbaum davor. 

Schon zieht er rasch den Stift, Papier und zeichnet 

Und fängt sich Baum und Haus für ewig ein. 

Vielleicht stand hinter diesem Baum ein Mädchen, 

Im Fenster eine schöne Frau vielleicht. 

Er jagt nach Schönheit, wo er sie nur findet; 

Doch glaub ich nicht, daß ihn die Schönheit bindet. 

Er sucht und ist vorübergehend reich. 

In diesem Punkt ist er dem König gleich. 



20 



C arina : 
Die eine böse Kunde jagt die andre, 
Jetzt fühl ich mich gekränkt wie nie im Leben. 
Warum schickt Euer König nicht auch Ärzte, 
Die peinlichst mich auf die Gesundheit prüfen? 
Warum nicht eine weise Wehefrau, 
Die kundig späht, ob meines Leibes Bau 
Dem Reiche auch den Erben bald verspricht? 
Schickt gleich die Kenner aller Arten her, 
Wägt mich und meßt mich, prüft auch meinen Geist! 
Ihr wollt, daß sich der König mir verbindet, 
Wenn erst mein Ich auf sein Geheiß verschwindet. 

Herzog: 

Bedenkt, es handelt sich um eine Krone! 
Lockt Euch denn eines Königs Werbung nicht? 

C arina : 
Denkt Ihr, mein Herzog, so gering von mir? 
Ich sollte mich als Schlußpunkt einer langen, 
Unendlich langen Reihe setzen lassen? 
Ich sollte zittern müssen, daß der König 
Auch mich zu all den andern Opfern wirft? 
Für solche Probe half ich mich zu gut! 
Für solchem Scherz fehlt mir der Übermut! 
Sagt das dem König! 

Herzog: 

Das verhüf der Himmel, 
Frau Herzogin, daß ich ihm's also sage. 
Er war' imstand, Euch mit Gewalt zu freVn. 
Er kann leicht zürnen und nur schwer verzeihn. 

C arina : 
Ich furcht 9 ihn nicht! So mag er mir nur grollen! 
Er zwingt mich nicht, ich trotze der Gewalt! 

Herzog: 
Ihr kennt ihn nicht. Er kann . . . 



21 



C arina : 

Er kann, er kann? 

Herzog: 
Er gibt Euch einen Pferdeknecht zum Mann! 

C arina : 
Man nennt den „Ritter" Euch am Königshofe, 
Das Muster aller Tugend, aller Ehre. 
Schützt Ihr mich nicht, wenn mir der König zürnt? 

Herzog: 
Ich habe oft des Königs Zorn gemildert 
Und manches Unrecht schon im Keim erstickt. 
Der Jähzorn legt sich rascher, wenn man weise 
Das erste Toben wild ergießen läßt. 
Am nächsten Tag wird oft mein Rat gehört. 

C arina : 

So schützt mich, Herzog, auch am ersten Tage. 
Ich bleibe fest und steh auf meinem Nein. 

Herzog: 
Mir bangt um Euch, ich will als Freund Euch raten. 
Fügt Euch und nehmt des Königs Werbung an! 
Ich wüßte keine andre in dem Reiche, 
Der ich so treu, so willig dienen möchte! 

C arina : 

Spricht das des Königs Diener? Spricht' s der 

Ritter? 
Ist es ein Spiel mit Worten oder Ernst? 

Herzog: 
Ich sag es offen — war es mein Verderben, 
Gleichwie der König könnt 7 ich um Euch werben. 
Die erste seid Ihr, wo ich ohne Qual 
Mir denken kann, ich wäre ihr Gemahl. 



22 



C ar in a : 
Und Ihr, mein Herzog, seid der erste Mann, 
Als dessen Frau ich gern mich denken kann. 

Herzog: 
Ich weiß es nicht, ob das schon Liebe ist . . . 

C arin a : 
Ich frage nicht, wie das Gefühl sich nennt . . . 

Herzog: 
Welch wunderbare Fügung des Geschicks! 
Welch Übermaß des Glückes in dem Unglück! 
Welch Unglück in dem Übermaß des Glücks! 
Das erste Weib, das mir gefällt, gehört 
Dem König! 

C arina : 

Sagt doch dem König, ich gefieV Euch nicht, 
Ich wäre häßlich, launisch, widerwärtig, 
Ich würde gar nicht für die Würde passen. 

Herzog: 
Der König hat sich stets auf mich verlassen. 
Er weiß, der „Ritter" spricht kein falsches Wort! 

C arina : 
Die Liebe mißt am Opfer sich allein. 
Wenn Ihr nichts wagt, wie sollt 1 ich Euer sein? 

Herzog: 
So habt Ihr denn den Maler ganz vergessen? 
Die Schönheit wird an seinem Bild gemessen. 

C arina : 

Ich will Grimassen schneiden, Mäulchen machen, 
Der Maler soll mich nicht gefällig sehn. 

Herzog: 
Ich muß Euch mehr von meinem König sagen. 
Er ist nicht mehr wie einst vertrauensselig . . . 



Seit seine Frau ihn heimlich hintergangen, 

Ist er verbittert, fürchtet stets Verrat 

Der Marschall, der Regent des Reiches war, 

So lange unser König minderjährig, 

Der ihn in strenger, frommer Zucht erzog, 

Er sieht mit Ärger seine Macht zerstört. 

Er fürchtet meinen Einfluß auf den König. 

So haßte er, weil sie ihm feindlich war, 

Die Königin, die ihres Gatten Strenge 

Gemildert und sein Herz zum Guten lenkte. 

Es bröckelte die Macht des Marschalls ab. 

Darum hat er die Königin gestürzt — 

So viel weiß ich vom König — aufgedeckt 

Ein dunkles Rätsel ihres Lebens. — Und 

Der Marschall war es wieder, der dem König 

Euch nannte und von Eurer Schönheit sprach. 

Ich dachte Euch ein . . . Werkzeug dieses Mannes 

Verzeiht, wenn ich es offen eingestehe. 

C arina : 

Der alte Kastellan hat einen Neffen, 

Der, wie ich weiß, beim Marschall Dienste macht. 

Der Neffe trägt Gerüchte hin und her, 

Erzählt uns hier, was man bei Hofe spricht, 

Und mag dem Marschall auch berichtet haben, 

Wie viele Freier ich schon abgewiesen. 

Herzog: 
So wird es sein. Schon lang mit schlauem Sinn 
Sucht dieser Marschall eine Königin. 
Beim Papst hat er die Scheidung schon betrieben. 
Der König soll des Marschalls Werkzeug lieben . . 

C arina : 
Empörung faßt mich ob des Doppelspiels. 
Wie eine Sklavin werde ich verhandelt, 
Man prüft, entscheidet, ohne mich zu fragen. 
Die Königin soll ich vom Thron verdrängen, 
Ein armes Weib, vom Unglück schwer getroffen? 
Ich kenn 7 den König nicht Doch UebV ich ihn, 



24 



Ich könnte doch mit ihm nicht glücklich werden. 
Nicht selig sein auf einer Andern Kosten. 
Mir graut vor all den höfischen Intriguen; 
Wo ich nicht wahr bin, muß ich unterliegen. 

Herzog: 
Der Marschall wird von allem unterrichtet, 
Spione horchen seine Gegner aus. 
Euch hat er ausersehn aus guten Gründen, 
Den Plan wird er nicht gerne fallen lassen. 
Seid Ihr auch aller Eurer Leute sicher? 

C arina : 

Der brave Kastellan ist treu wie Gold 

Und alle andern Diener zählen nicht. 

Ihr müßt mich retten, Herzog! Seht, ich bitte, 

Weibliche Scham und Scheu kühn unterdrückend, 

Um Eure Hand! Sagt, wollt Ihr mich zur Frau? 

Herzog: 
So hat ein alter Traum sich mir erfüllt: 
Ich freie nicht und werde doch gefreit. 

C arina : 
Ein jeder Traum wird Wahrheit mit der Zeit. 

Herzog: 
Ich wüßte mir kein besser Ehgemahl. 
Widerstreit von Wonne und von Qual! 

C arina : 
Fällt der Entschluß dem Ritter gar so schwer? 

Herzog: 
Es geht um meinen Kopf und meine Ehr'! 

C arina : 
Ihr schlagt die Werbung aus? Laßt mich dem König? 

Herzog: 
Was soll ich tun? Pein der schweren Pflicht! 



Jo 



C arin a : 

So hört mein letztes Wort: Ich schwöre Euch, 
Niemals erhält der König lebend mich! 
Ich freie nur aus eigner freier Wahl 
Als Leichnam nur werd y ich sein Ehgemahl. 

Herzog: 

So ist das Euer letztes Wort? Dann seid 
Ihr nicht des Königs Eigentum. Ihr freit . . . 

C arina : 
Den Herzog frei' ich, meines Herzens Herrn! 

Herzog: 

Wie teiV ich alles dies dem König mit? 
Wüßt ich nur einen Weg, ich ginge ihn . . . 

M arietta : 

Darf jetzt die Zofe auch ein Wörtchen reden? 

Ich wünschte gerne meiner Herrin Stelle, 

Die Herrin spiel' ich, gebt mir ihr Gewand, 

Der Maler soll mein Bildnis konterfeien. 

Wenn es der junge König reizend fand, 

So will ich gerne ihm zu Willen sein. 

Was tut man nicht der lieben Herrin wegen? 

Ich eile, ihre Kleider anzulegen . . . 

Sie wird die Zofe . . . Geht's nach meinem Sinn, 

Werd' ich — ob kurz, ob lang — zur Königin. 

Herzog : 
Das Spiel ist kühn und sehr gewagt! 

Marietta: 
Nie kommt ans Ziel, wer zaudernd zagt. 

Herzog: 
Paßt auch die Rolle und das Kleid? 



26 



C arina : 
Sie hieß mir Schwester seinerzeit 
Und meine Kleider passen ihr, 
Als wäre sie's in Wahrheit mir. 

Herzog: 
Und weißt du, wie man sich bewegt, 
Wie man die stolzen Kleider trägt? 

M arietta : 
Ich schreite zierlich, spreche fein, 
Ihr sollt mit mir zufrieden sein. 
Sind unsre Kleider erst vertauscht, 
Da wird kein vorlaut Wort geplauscht . . . 
Ich weiß, wie man es machen muß, 
Ich reiche Euch die Hand zum Kuß, 
Ich dreh die Schleppe hin und her . . . 
Das Vornehmsein ist nicht so schwer. 
Trag ich das schwere Seidenkleid, 
Dann merkt kein Mensch die Kammermaid. 

Herzog: 
So mag das unerhörte Spiel beginnen. 
Doch rat' ich dir, zieh du dein Mäulchen krumm. 
Der König sieht enttäuscht das treue Bild, 
In ein paar Tagen hat er es vergessen. 

M arietta : 
Ei wie? Ei was? Ich soll mich häßlich machen? 
Herr Herzog — nein! Ihr macht mich wahrlich lachen! 
Zum schönen Kleid mach'' ich die schönste Miene, 
Damit ich auch des Königs Lob verdiene 

C arina : 
Es eilt die Zeit, gehn wir die Kleider tauschen. 

M arietta : 
Dann will ich stolz mit meiner Seide rauschen 
Und reich Euch meine Hand zum Kusse hin! 

27 



C arina : 
Jetzt komm! Noch bist du nicht die Königin! 

Marietta: 
Ob Ihr den Tausch nicht einmal noch beklagt?! 

C arina: 

Des Königs Frau?! — Viel lieber deine Magd! 
(Beide ab.) 
(Der Herzog geht in großer Erregung auf und ab. — Es klopft schüchtern 

an der Türe.) 

Dritte Szene, 

Kastellan: 

Verzeiht, Herr, daß ich Euch zu stören wage, 
Ein Maler heischet Einlaß ungeduldig, 
Er meint, es neige sich der Tag dem Ende, 
Er brauche Licht und Sonne für sein Bild. 

Herzog: 
Er trete ein! (Mißtrauisch.) Was hat er sonst gesprochen? 

Kastellan: 

Nur ein paar leere Worte hin und her. 
Er wollte wissen, ob die Herrin wahrhaft 
Von solcher seltenen, reichen Schönheit sei, 
Wie man bei Hofe es besprochen habe. 

Herzog: 
Was sagtet Ihr dazu? 

Kastellan: 

Ei nun, ich sprach: 
Was geht Euch meiner Herrin Schönheit an? 



Herzog: 
Sehr gut. Und er? 



28 



Kastellan: 
Er lachte nur und sagte: 
Dem Künstler wird allein es offenbar, 
Was Schönheit ist. Ich widersprach dann nicht — 
Es ist nicht meine Art, herumzureden, 
Denn meine Herrin liebt verschwiegene Leute. 

Herzog: 
Dann seid Ihr auch für mich der rechte Mann. 
Geht zu der Herrin, laßt Euch dort belehren, 
Seid Ihr verschwiegen, winkt Euch reicher Lohn. 

Kastellan: 
Das Sprichwort meldet: Schweigen ist schon Gold. 

Herzog: 

Ein andres sagt: Verraten ist der Tod! — 

Und Reden ist Verrat. — Geht jetzt und sendet 

Den Maler mir. 

(Kastellan ab.) 

Was tu ich fiebernd nur? 
Des frevelhaften Spiels! Bin ich von Sinnen? 
Was galt bis heute mir das Weiberminnen? 
Wie hat sie mich mit einem Mal verwandelt? 
Ich liebe . . . dennoch? — Hab ich recht gehandelt? 

Vierte Szene. 

Maler: 

Auf Schönheit, scheint es, muß man lange warten. 
Wo ist die Frau, nach der mein Pinsel lechzt? 
Denn schönheitstrunken bleib ich schönheitslüstern. 
Ich küsse gern, doch maV ich nie im Düstern. 

Herzog: 
Sie ist ein Weib, wie alle Weiber sind. 
Kaum hörte sie den Sinn der Werbung an. 
Das Wörtchen „Maler" setzte sie in Brand. 
Fast glaub 7 ich, jedes Bild raubt den Verstand. 



29 



(Ironisch:) 
Sie lebte liier allein in einer Wildnis, 
Es fehle „die Toilette" für das Bildnis, 
Das „Kleidchen", das sie trage, sei bescheiden 
Kurz — sie verschwindet, um sich umzukleiden. 



Maler : 

Wer so auf Kleider hält, hat keine Seele . . . 
Wie ist sie sonst? Der Körper ohne Fehle? 

Herzog: 
Dhdies zu schildern, fehlt mir das Geschick. 
Gewiß, sie ist sehr schön gewachsen, aber . . . 

Maler: 

Ein Aber? Ach! Dies Wörtchen sagt genug. 
Auch diese Schönheit ist nur Lug und Trug. 

Herzog: 
Du wirst sie sehn und selbst dein Urteil bilden. 

Maler: 

Ich seK sie nicht, wenn sie nicht bald erscheint. 

Ich brauche helles, weißes Sonnenlicht, 

Ich lieb'' die schweren dunklen Töne nicht . . . 

Herzog: 
Isfs meine Schuld, daß du zurückgeblieben? 

Maler: 

Es reizte mich ein wundervoller Baum, 
Der seine Zweige in den Himmel tauchte, 
Dahinter eine Hütte moosbedeckt, 
Ein kleiner Schornstein der verschlafen rauchte 

Herzog: 
Und an dem Fenster dieser kleinen Hütte 
Ein allerliebstes, frisches Angesicht. 



30 



Maler: 
Du weißt es schon? 

Herzog: 
Ich haV es nur erraten. 
Die Frau in einer Landschaft ist dein Licht. 
Du kannst nicht einen Tag als Künstler leben, 
Wenn dich die Amoretten nicht umschweben. 

Maler: 

Nicht eine Stunde. Ewig muß ich suchen, 
Von Durst verzehrt nach einem Ideal. 

Herzog: 
Um schon am nächsten Tag enttäuscht zu buchen: 
Auch diesmal irrf ich mich in meiner Wahl. 
Gesteh' es doch: trotz tausend Liebeswunden — 
Dein Ideal hast du noch nie gefunden! 

Maler: 
Ich fand nur Teile, die Mißlungenes schmückten, 
Hier fand ich Geist und dort fand ich Gemüt, 
Bald fand ich Kleinigkeiten, die entzückten, 
Doch die Erfüllung hat mir nie geblüht. 
Und oft enttäuscht, muß ich dem Schicksal fluchen, 
Und rasch begeistert, muß ich weiter suchen . . . 
Ja, wenn ich einmal nur ein Wesen fände, 
Nach meinem Sinn Gesicht, Gestalt und Hände, 
Die Seele vornehm, edel, reich und offen . . . 
Dies Weib hob' ich his heute nicht getroffen! 

Herzog: 

Die Maske fällt und all die Kleinlichkeit, 
Die Klatschsucht, Bosheit, Hang zu Kleidertand, 
Der Mangel aller Tiefe, Haß und Neid — 
Besiegt das Herz und deine Liebe schwand . . . 

Maler: 

Du bist der alte Weiberfeind geblieben! 
Wer alle haßt, der kann nicht eine lieben! 



31 



Herzog: 
Auch diese Herzogin gefällt mir nicht 
Nicht ohne Geist, jedoch ein derb Gesicht 
Und alle Fehler eines echten Weibes. 

Maler: 
Dir fehlt ein Sinn. Du siehst das Weib noch nicht, 
Der Kenner wägt die Lust, die sie verspricht, 
Er liest aus Augen, Nase und Bewegung 
Die leicht verhüllte innere Erregung. 

Herzog: 
Dir ist die Liebe nur des Körpers Funktion! 

Maler: 

Der Körper ist das Volk, die Seele ist der Thron. — 
Trotz alledem: ich war noch nie verliebt, 
Ich such das Weib, das Leib und Seele gibt. 

Herzog: 

Noch nie verliebt?! Wie mich das überrascht! 
Nach jeder schönen Frau hast du gehascht, 
Gegirrt, geseufzt, gestöhnt, geweint, geschmachtet, 
Ob alt, ob jung, du hast sie nie verachtet! 

Maler: 

Auch in der Liebeskunst wird keiner gleich ein Meister, 
Erst ist man schüchtern, zag, dann wird man immer 

dreister, 
Ein jedes Weib verkörpert ein Problem . . . 

Herzog: 
Und diese Wissenschaft ist angenehm . . . 

Maler: 

Was weißt du von den schweren Bitternissen? 
Enttäuschung quält, es foltert das Gewissen, 
Dem kurzen Glück folgt eine lange Reue. 



32 



Herzog: 
Trotz dieser Qualen kennst du keine Treue! 

Maler: 

Ich bin mir selber treu und meinem Hoffen, 
Ich haV noch nicht mein Ideal getroffen. 

Herzog: 

Gefährlich sind die Lehren dieser Schule, 
Man fühlt sich stolz in einem Sündenpfuhle. 
Man wechselt die Objekte ohne Zahl 
Und macht sich vor: man sucht das Ideal. 
Wann aber bleibt man einem Weib verbunden? 
Wann hat der Mensch sein Ideal gefunden? 

Maler: 

Das Ideal . . . es spiegelt nur mein Ich. 
Man findet immer in dem andern sich. 

Herzog (schnell): 
Das nun begreif ich, das ist auch mein Fall . . . 

Maler: 
Du fandest dich? 

Herzo g (verlegen): 

Ich such' mich überall. 

Maler: 

Die Stunden fliehn . . . Mein Auftrag nicht vollendet . . 
(Es klopft.) 

Herzog: 
Die Herrin naht, zu der man dich gesendet! 

St ekel, Das goldene Seil. 3 



33 



Fünfte Szene. 

(Carina und Marietta erscheinen in vertauschten Kleidern. Der Maler wirft 

einen Blick auf die falsche Herzogin, man merkt sichtlich die Enttäuschung. 

Mit Wohlgefallen mustert er Carina.) 



Marietta 

(schnippisch zu Carina): 

Geschicklichkeit, so sagte meine Mutter, 
Ist eine Tugend, die uns jede Gunst 
Erschließt; dir ist sie sicher nicht zu eigen! 
Wie du an meiner Schleppe achtlos zerrst! 
Geh ich nach rechts, so ziehst du sie nach links 
Und geh ich vor, so bleibst du plötzlich stehen. 
Ist es kein Scherz, so scheint es böser Wille, 
Und beides ziemt der — Kammerzofe nicht. 

Carina: 
Ich will mich bessern, meine gnäd'ge Frau! 

Marietta: 

Laß dieses lächerliche „gnäd'ge Frau"! — 
Verzeiht, Ihr Herren! Wie oft haV ich der Mutter 
Gezürnt, daß sie die Schwester meiner Jugend, 
Ein Waisenkind, aus Mitleid angenommen, 
Gezwungen mir als Kammerzofe ließ. 

Maler: 

Ich finde Eure Zofe allerliebst. 
Verzeiht. — So, Fräulein, hier auf diesem Stuhle 
Hab ich für's Bild das schönste Licht . . . Die Zofe 
Mag dann zu Euren Füßen sitzen. 

Marietta: 

Was? 

Wozu die Zofe denn zu meinen Füßen? 

34 



Maler : 

Ich brauche sie, sie muß die Schleppe halten, 
Die unschön sonst zur rechten Seite fällt. — 
Nicht so verschämt, mein allerliebstes Kindchen! 
(Nimmt Carina sanft beim Arm und fährt ihr flüchtig über die Wange.) 

Herzog: 
Vergeßt Euch nicht und nicht, vor wem Ihr steht! 
Laßt diese billigen Eroberungen! 

(Zu Marietta:) 
Verzeiht, o hohe Frau, daß unser Maler 
Sich so als Neuling zeigt der höfschen Kunst. 
Er ist ein Kenner aller Kammerzofen. 
Sonst läutert stets die Kunst auch den Geschmack — 
Der seine bleibt plebejisch, denn er sammelt 
Nur Kammerzofen . . . 

Marietta : 
Ihr geht zu weit! So manche Kammerzofe 
Fand ich bedeutend schöner als die Herrin, 
Bei der sie dient. Und auch Marietta find ich 
Ei nun — ganz nett. Wenn sie nur auch ein wenig 
Verstünde, wie das Kleid den Menschen hebt! 
Auch fehlt der Geist, der das Gesicht belebt! 
Auch meinen Geist muß Euer Bild verkünden, 
Soll es des Königs Liebe jäh entzünden. 

Maler: 

Das Zünden ist nicht schwer. Wie lang es flammt? 
Am nächsten Tag seid Ihr bereits verdammt. 

Carina: 
Das stimmt nicht ganz. Der Frau hielt er die Treue. 

Marietta: 
So sei doch still! Du machst mich bös aufs Neue! 

Maler: 
Seid nicht so strenge mit dem lieben Kind! 

s* 

35 



Herzog: 
Wie überflüssig Kammerzofen sind! 

Maler: 
Das Wunder, das die Zofe preist, ist wahr. 
Der Gattin blieb er treu — ein ganzes Jahr! 

Herzog: 
Bis er erbost — dem Himmel sei's geklagt! — 
Mit Schimpf und Schande sie davongejagt 

Marietta: 
Erzählt — und wißt Ihr wirklich nicht den Grund? 

Maler : 
Wer gar nichts weiß, hält gerne reinen Mund. 

C arina : 
Wie solch ein Rätsel alle Welt beschäftigt! 
Die Neugier hält die Menschen stets im Bann! 

Marietta: 
Das Schweigen haV ich zweimal dir geboten, 
Ich heiß dich gehn, hältst du dich nicht daran! 

Maler: 
Um Eure Neugier möglichst bald zu stillen, 
ErzähV ich Euch, was ich in Wahrheit weiß. 
Celesta reiste zu der kanken Mutter, 
Der König blieb drei Tage nur allein. 
So stark war seine Liebe, daß er stets 
Ein Taschentuch, von ihrem Duft getränkt, 
Wenn er allein war, an die Lippen preßte. 
Die Pagen hörten plötzlich einen Schrei 
Und Stöhnen, Schluchzen, wilde Raserei. 
Am nächsten Tage kam die Königin — 
Sie sah den König nicht. Es brachte sie 
Der Kanzler zu der Mutter rasch zurück. 



S6 



C arina : 

Die Ärmste! Ungehört davongetrieben! 

So handelt blinder Haß, das ist kein Lieben! 

M ariett a : 

Fällt eine Woge, steigt dafür die andre 

Schmückt nur mein Bild mit allen Reizen aus! 

Maler 

(halblaut): 

Was nützt das Bild! Wie ich den König kenne, 
Schickt er Euch auch nach einer Nacht nach Haus, 

Marietta: 
Das reizt erst recht des Weibes Kampfbegier. 
Ich will mein Glück auf jeden Fall versuchen 
Und wenn es mir gelingt, so bleibt er mein. 

Maler: 
So dachte manche. Keiner war es bang — 
Und jede blieb doch nur ein Übergang. 
Im Innern glaubt ein jeder seiner Kraft 
Und freut sich, sie an schwerem Werk zu messen. 

C arina : 

Es fliehen andere die Leidenschaft 

Gewiß, weil sie im Rausche sich vergessen. 

Maler: 
Seht wie die Zofe gut die Seelen schildert! 

Herzog: 
Sie spricht zuviel . . . 

Marietta: 

Ach, sie ist ganz verwildert 
Wie steht es mit dem Bilde? Blick ich recht? 
Ihr legt doch Eure ganze Kunst hinein? 



37 



Maler: 
Ich gebe stets das Beste, was ich kann. 
Mit meinem Bilde bin ich bald zu Ende. 
Noch eines fehlt. Verschiednes liebt der Mann, 
Der König aber schwärmt für schöne Hände . . . 

Marietta: 

(verlegen, halblaut): 

Jetzt packt er mich bei meiner schwächsten Seite — 

(laut): 
Ich bin schon müd. Für heutf hat's sein Bewenden, 
Ihr könnt ja morgen Euer Bild vollenden. 

C arina 

(etwas boshaft): 

Gestrenge Frau, es sagt mir mein Verstand, 

Der König bittet doch um Eure Hand. 

Es muß deshalb das Bild die Hände zeigen . . . 

Marietta: 
Du keckes Ding, wirst du nicht endlich schweigen? 
Was sitzt du plaudernd da und bist so müßig? 

Herzog: 
Ich finde Marietta überflüssig. 
Wenn Ihr des Malers Bild recht scharf betrachtet, 
So merkt Ihr, daß er nach der Zofe schmachtet. 
Dann prüf ich dieses Konterfei genau — 
Es sind nicht Eure Züge, hohe Frau . . . 

(Carina will weggehen. Der Maler hält sie zurück.) 

Marietta: 

Es weiß im Schlosse wohl ein jedes Kind, 
Daß wir wie wahre Schwestern ähnlich sind. 

Maler: 
Die Ähnlichkeit ist wirklich nicht zu leugnen. 
Doch haltet Ihr den Künstler für so dumm, 
Daß er dies Kinderspiel nicht gleich durchschaut? 



38 



Bin ich ein solcher Stümper, schlechter Kenner, 

Daß ich den Diener in dem Kleid des Herrn 

Nicht mit dem ersten Blick zu finden weiß? 

Merk ich nicht gleich an jedem Griff der Hand, 

Ob sie gewohnt, zu schaffen und zu dienen? 

Ich kenn 1 die Zofe in dem Prachtgewand 

Und ihre Herrin in der Tracht der Magd. 

Ich seh die strenge Miene des Gebietens, 

Die stolze Art des freigebornen Blickes, 

Ich merke an dem Wesen der Gebärde, 

Ob sie von Stolz, ob sie von Demut spricht. 

Ich seh den Adel in den edlen Zügen. 

Welch plumpes Spiel, den Künstler zu betrügen! 

C arina : 
Ich bin beschämt, ich tat es nur aus Not . . . 

Marietta: 
Ich wollte nur die teure Herrin retten . . . 

Herzog: 
Nicht dir, dem König gilt der ganze Trug. 

Maler: 
Wovor die Herrin retten? Welche Not? 
Ich faß noch immer nicht des Scherzes Sinn. 

Herzog: 
Es ist kein Scherz. Es ist ein Würfelspiel, 
Wobei mein Kopf der kleinste Einsatz ist. 
Ich liebe . . . Sieh mich nicht verwundert an. 
Carina ist von gleicher Glut entflammt. 
Sie weist des Königs Werbung kalt zurück 
Und sucht bei mir allein die Seligkeit. 

Maler: 
Ich fügte gern einen Schmerz mir zu, 
Um mir zu sagen: Was du jetzt erlebst, 
Es ist kein Traum, ist Leben, Wirklichkeit. 
Der Herzog, der Verächter aller Frau'n, 
Der Weiberfeind, der Ritter ohne Dame, 
Der nie die Hand gestreckt nach jenen Früchten, 



SO 



Wie sie der Hof des Königs reichlich bietet — 
Er ist verliebt und just die schönste Frucht 
Will der Vasall dem König vorenthaltn? 
Wie ist nur eine solche Wandlung möglich? 
Was gab man ihm für Zaubertränke ein?! 

C arina : 
Ist Liebe selbst nicht dunkle Zauberei? 

Herzog: 
Du rettest uns und malst das Konterfei 
Der Zofe, das ich frech dem König bringe . . . 

Marietta: 
Ich trage bei, daß dieses Spiel gelinge . . . 

Maler : 
Ihr fordert viel. Ihr fordert meinen Kopf. 
Und was steht diesem Einsatz dort entgegen? 
Die warme Freundschaft eines hohen Herrn, 
Der aus des Königs Auge plötzlich sich 
In seine Hand verwandelt und ergreift, 
Wonach allein der König greifen dürfte . . . 
Doch an die Folgen denk? ich nur mit Schaudern, 
Wie leicht kann einer von den Dienern plaudern! 

C arina : 
Der treuen Diener und des Kastellans 
Und meiner Zofe bin ich völlig sicher. 
Marietta plaudert gern, doch wird sie schweigen . 

Marietta: 
Der Maler wird mein Bild dem König zeigen, 
Und wenn der König es gefällig findet, 
So wißt Ihr, daß mein Ich sofort verschwindet; 
Die Kammerzofe existiert nicht mehr. 

Maler : 
Was aber macht Ihr, kommt der König her? 



40 



Herzog: 
Mein Plan ist fertig. Mit Mariettas Bilde 
Meld 7 ich dem König, daß sein treues Auge 
Enttäuscht der Werbung klüglich abgeraten. 
Ich aber wäre gern bereit, zu freien 
Das Fräulein, nur weil sie begütert ist. 
Der König weiß, daß ich in Schulden stecke. 
Wir leben heimlich glücklich auf dem Schloß. 
Ein vorgeschütztes Leiden hält mich fern 
Vom Hof. — Und schlimmstenfalls bleibt ja Marietta, 
Die mit der Frau sehr gern die Rollen tauscht. 
Ich trotze gerne jeglicher Gefahr, 
Leb 1 ich der Liebe nur ein halbes Jahr. 

Maler 

(gereizt): 

Nein, nein! Und wieder nein! Ich tu es nicht! 
Ich will jetzt nur, des Königs Auftrag folgend, 
Solang das Licht noch langt, das Bild vollenden. 

Herzog: 
Es dämmert schon. Du kannst bis morgen warten. 

C arina : 
Ich stecke in der Kammerzofe Kleide, 
Marietta trägt die Seide, das Geschmeide . . . 

Maler: 
Ihr tragt die Kleider Eurer edlen Züge! 
Das Augenpaar ersetzt den Diamant. 
Der feine Mund, so abhold jeder Lüge, 
Die Hand, die nie ich so vollkommen fand . . . 
Wem so viel Schmuck aus eignem Reichtum strahlt, 
Der trägt das Kleid, das ihm die Schönheit malt. 

Marietta 

(boshaft): 

Herrin, o wie seid Ihr zu beneiden! 

Ihr braucht Euch niemals an- und umzukleiden! 



41 



C arina : 

In solcher ernsten Stunde sinnst du Scherze! 
Laßt mich jetzt mit dem Maler ganz allein, 
Er soll mich malen, wie es ihm gefällt. 

Herzog: 
Ich will nach einer andern Lösung suchen . 

Marietta: 

War' ich nicht so gesittet, würd' ich fluchen 
(Marietta und der Herzog ab.) 



Sechste Szene. 

(Der Maler hat eine neue Leinwand genommen, Carina sitzt ihm, während 

das Gespräch weiter geht.) 

Maler: 
Den Kopf etwas nach rechts, die Hände vor, 
Daß sie vom hellen Licht beschienen sind. 
Nie malü ich einen Kopf so fein wie diesen, 
Das ist die schwerste Prüfung meiner Kunst. 
Wie sehr enttäuscht uns oft genaues Malen! 
Je tiefer sich der Blick ins Antlitz senkt, 
Ach, desto schärfer treten Häßlichkeiten, 
Geheime Laster, Grausamkeit hervor. 

Carina: 
Wer weiß sich frei von jeder Häßlichkeit? 
Sie überwinden heißt des Lebens Pflicht. 
Sinnt Eure Seele schöne Dinge nur, 
So wird das Antlitz diese Schönheit spiegeln. 

Maler: 

Die Seele ist ein Buch mit sieben Siegeln, 

Doch schon vom Einband schließt man auf ihr Wesen. 

Ich kann aus Euren Augen vieles lesen, 

Was Ihr vielleicht Euch selber streng verschließt, 

Weil manche Wahrheit keuschen Sinn verdrießt. 

42 



C arina : 
Ihr mahnt mich an den Jammer, Weib zu sein. 
Was mich die Männer immer meiden ließ, 
Ist, daß sie schon mit ihrem ersten Blicke 
Uns prüfen, uns entkleiden, uns betasten. 
Entsetzlich war es mir, dies rohe Wühlen 
In allem, was sich streng der Welt verschließt. 
Wir Frauen sind doch bessere Geschöpfe, 
Der Mann denkt immer nur an seine Lust. 
Er wägt die Liebesleidenschaft der Dame, 
Mit der er scheinbar über's Wetter spricht. 
Das hat die Männer immer mir verleidet, 
Daß Ihr selbst jede keusche Frau entkleidet. 

Maler: 

Glaubt mir, mit keinem niedrigen Gedanken 
Rühr 1 ich an Euch . . . an Eure reine Seele. 

C arina : 
Ich habe Euren Blick auch so empfunden, 
Ich fühle keine Scheu, ich rede ungebunden, 
Als wärt ihr mir ein längstvertrauter Freund. 
So will ich Euch die Wahrheit gern gestehen: 
Ich suchte nach der reinen Liebe nur, 
Nach einem keuschen Mann, der Treue hält. 

Maler: 
Des Herzogs Keuschheit hat man Euch erzählt . 

C arina : 

Worüber andre lächeln, nimmt mich ein. 
Ich leugne nicht, daß dies sein Vorzug ist. 

Maler: 

Habt Ihr Euch schon gefragt, was Keuschheit ist? 
Wollt Ihr Natur in strnge Bahnen zwingen? 
Und scheint Euch unrein, was natürlich ist? 
Leicht ist es einem Menschen, keusch zu bleiben, 
Wenn ihn nicht innerliche Kräfte treiben. 



43 



C arina : 
Ich habe viel darüber nachgedacht. 
Ich habe mir die Keuschheit abgerungen 
In schweren Kämpfen gegen heißes Blut, 
Das ich gewiß von meinem Vater erbte . . . 
Er war ein Schürzenjäger und kein Weib, 
Selbst hier in diesem Schloss', war vor ihm sicher. 
Sein Beispiel stand mir drohend vor den Augen. 
Was Männer sind, sah ich in Kinderjahren. — 
Wenn andre Mädchen sich beim Spiel vergnügten, 
Saß weinend bei der Mutter ich zu Hause, 
Ihr Elend teilend und zu früh begreifend. 
Ihr saht ja meine kecke Kammerzofe . . . 

Maler: 
Marietta? 

C arina : 

Von Vaters Seite ist sie meine Schwester 

Und ihre Mutter war die Kammerzofe. 

Das ist der Grund, warum ich sie behalte 

Und manches dulde, was mir schwer zu tragen . . . 

Sie weiß es nicht. Euch sag' icKs im Vertrauen, 

Ich fühl, ich kann auf Euer Schweigen bauen! 

Maler: 
Sie ist die Schwester! Manche Ähnlichkeit 
Erkenn 7 ich jetzt, da ich nun wissend bin. 
Doch scheint mir alles gröber, ungeschliffen — 
Sie hat den gleichen Wuchs, die gleichen Haare, 
Doch alles andre rohe Dutzendware. 

C arina : 
Des Vaters Blut wird mühsam nur bemeistert, 
Die Tugend scheint durch Zwang und Not gekleistert. 

Maler: 
Ich kenne keine Tugend, die sich nicht bewährt 
Und Keuschheit ist, wenn man sich selbst verzehrt. 



44 



Ich hob als Held der Liebe nie gefastet, 

Mein inn'res Ich blieb doch unangetastet 

Das Beste habe ich mir aufgespart, 

Die Kinderseele unentweiht bewahrt. 

Ich kann mich liebend in zwei Menschen spalten 

Und was die Seele gibt, bleibt mir erhalten. 

C arina : 

Ich hasse die Zweiseelentheorie, 

Bald seid Ihr gierig, wie ein geiles Vieh, 

Bald wollt Ihr in den höchsten Sphären schwärmen, 

Für hohe Geistesgüter Euch erwärmen, 

Am dritten Tage siegt die Kreatur. 

Die Seele hinkt dann nach auf dieser Spur. 

Heut seid Ihr seelisch wonnetrunken — 

Und morgen nüchtern in den Kot gesunken. 

Maler: 
Ihr predigt was ich selbst mir manchmal sage, 
Wenn ich dies wilde Leben nicht ertrage. 
Doch eins entschuldigt meines Lebens Qual: 
Ich fand bis heute nicht mein Ideal. 



C arina : 

Bequemes Wort! Ihr würdet nicht erkalten 
Dem Ideal den Körper rein zu halten. 



Maler: 
Im Streben nach der Reinheit liegt die Kraft, 
Ich bleibe rein trotz aller Leidenschaft — 
Wie gerne ließ ich mich an eine binden — 
Ich sah sie nie, ich konnte sie nicht finden. 
Vielleicht, hätf ich ein liebes Weib getroffen 
Von Eurem Reiz, die Seele frei und offen, 
Ein Kamerad auf allen Lebenswegen, 
Es blühte mir der reinen Liebe Segen. 
Daß Ihr den Herzog liebt — in solcher Stunde, 
Ich — faß sie nicht, die wundersame Kunde. 



C arina : 

Ich lieb ihn nicht! Ich muß mich an ihn ketten! 
Nur diese Ehe kann mich vor dem König retten! 

Maler 

(überrascht): 

Ihr liebt ihn nicht! Und nehmt ihn doch zum Gatten?! 

C arina : 
Wenn nicht mein Ideal, so doch sein Schatten . . . 

Maler: 
Und Euer Glück! Ist das der Liebe Ziel? 

C arina : 
Auch statt der Liebe nur ein Schattenspiel . . . 

Maler: 
Ihr rührt mich tief. Solch Opfer Eurer Reinheit! 

C arina : 
Die Kälte furcht 1 ich nicht! Nur die Gemeinheit. 

Maler: 
Hier meine Hand! — Ich steh Euch treu zur Seite, 
Ich helfe Euch, dem König zu entrinnen . . . 

Letzte Szene. 
(Der Herzog stürzt zur Türe herein.) 

Herzog: 
Mein Ausweg ist, wir suchen schnell das Weite . . . 

Maler: 
Mit ihr entfliehn? Welch törichtes Beginnen! 
Wo ist der Ort, wenn Ihr auch schnell entschwindet, 
Wo Euch des Königs strenger Arm nicht findet? 
Die Herzogin hat meinen Sinn gewendet: 
Dem König wird Mariettas Bild gesendet. 



46 



Herzog: 
Wie wunderbar! Wem dank' ich diese Wandlung? 

Maler: 
Ein Freundschaftsdienst . . . Ganz einfach ist die Handlung 
Das Fräulein weinte, sprach von ihrer Liebe . . . 
Ich bin kein Stein, der da gefühllos bliebe. 
So heißes Minnen muß ich anerkennen. 
Ich kann zwei Liebende nicht grausam trennen. 

Ende des ersten Aktes. 



47 



Zweiter Akt. 

(Ort der Handlung wie im ersten Akte. Marietta richtet eine Staffelei 
für den Maler her. Der Herzog sitzt am Fenster und beobachtet Marietta. 
— Zwischen dem ersten und zweiten Akte sind vier Wochen verstrichen.) 



Erste Szene. 

Herzog: 
Nimmt denn die dumme Malerei kein Ende? 

Marietta: 
Sie fängt erst an. Es ist das vierte Bild, 
Das heut' mit vieler Müh vollendet wird. 
Der Maler läßt nicht ab, bis es gelungen. 
Die Schönheit Eurer Gattin festzuhalten. 
Die Wirklichkeit hat noch kein Bild erreicht, 
So meint der Maler, und er malt und malt, 
Beginnt und läßt es unbefriedigt stehen 
Und wird's zu einem Dutzend Bilder bringen. 
Doch wenn er will — ivird keines ihm gelingen. 

Herzog: 
Ich bin dem Maler wehrlos ausgeliefert. 
Ich sag's ihm deutlich, daß er hier mich stört, 
In klaren Worten — die er überhört. 
Das Malen ist hier chronisch, nimmt kein Ende, 
Zu jedem Kopf malt er noch beide Hände, 
In Öl, Pastell, mit Stiften und mit Kohlen . . . 
Ach, Kunst und Künstler soll der Teufel holen! 

Marietta: 

Ihr seid schlecht aufgelegt und wettert tüchtig. 
Man merkt, Ihr seid schon rasend eifersüchtig. 
Wie kann der Ritter seinen Wert vergessen 
Und sich mit diesem Farbenkleckser messen? 



48 



Herzog: 
Ich bin kein Frauenkenner, doch ich höre, 
Daß Frauenherzen unergründlich sind. 
Ich sah schon manchen Krüppel Siege feiern 
Bei Frauen, die sich Schöneren versagt. 
Der Maler ist ein Mann von Reiz und Geist 
Und hatte stets bei allen Weibern Glück. 

M arietta : 

Das hat ein jeder Mann, wenn er nur will. 
Euch fehlt für dies Metier der kecke Mut. 
Euch wären sicher alle Frauen gut. 

Herzog: 
Der Maler meinte, einmal mit der Zeit 
Gewinnt der Mann sich jede Weiblichkeit. 
Die gleite rascher, die empört sich ziert . . . 

(Nach einer Pause plötzlich:) 
Sag, hat er nie sein Glück bei dir probiert? 

M arietta : 

Ich will gewiß doch jedem Mann gefallen 

Und kokettieren mag ich gern mit allen; 

Der Farbenkleckser aber ist mir Luft! 

Ein frecher Tagedieb, ein eitler Schuft! 

Seit er das Jammerbild von mir gekleckst, 

Das mich zu einem blöden Scheusal hext, — 

(Wie seh ich aus? Ein wüster alter Drache!) — 

Seitdem ist mir der Bengel Nebensache. 

Spricht er mich an, so bleib' ich kühl und stolz, 

Mein Ideal baut sich aus anderm Holz. 

Seit ich den einzigen Kuß von Euch empfangen, 

So innigheiß, so süß, so voll Verlangen, 

Kenn' ich nur einen Mann, den stolzen Ritter . . . 

Herzog: 
Es war im Park — es war beim Rosengitter . . . 
Vergessen möcht' ich gerne diesen Kuß, 
An den ich immer sehnend denken muß. 

Slebel, Das goldene Seil 4 

49 



Und ich gestehe, daß ich ihn bereue. 

Die Ehe ist mir heilig und die Treue. 

Der Vorgang darf sich nimmer wiederholen. 

M arietta : 
Mein Gott, Ihr habt mir einen Kuß gestohlen, 
Nun meint Ihr schon, Ihr seid ein leichtes Tuch — 
Ich glaubt wohl gar, das sei ein Ehebruch! 

Herzog: 
Ich bin so leicht nicht, wie die andern Männer — 
Du magst 9 s Moral, du magst es Dummheit heißen. 
Wüßt' ich, daß dieser Maler mich betrügt, 
Ich glaub 9 , ich würde ihn in Stücke reißen. 
Mich treibt ein altes Wort aus deiner Nähe, 
Das Wort: „Was du nicht willst, daß dir geschehe 

Marietta: 

Ja so! „ Das tue keinem andern an . . ." 
Ihr seid fürwahr ein sonderbarer Mann! 
Doch vor dem Kusse spracht Ihr ernst mit mir, 
Klaglest, daß Euch die Herzogin nicht liebe . . . 

Herzog: 
Zu dir zieht's mich mit treibender Gewalt, 
Carina aber läßt mich immer kalt. 
Wie soll ich dieses Rätsel mir erklären? 
Erfahrung fehlt. Erotische Affären 
Begreif 9 ich nicht . . . Bei ihr bin ich erfroren; 
Sie sieht mich an und ich bin schon verloren. 
Dies Übermaß der Tugend und der Haltung! 
Man sagt, das Weib macht ein feine Spaltung, 
Zeigt sich dem Fremden anders als dem Mann — 
Für meine Frau bin ich ein Fremder dann! 
Das ist von allem noch das kleinste Stück . . . 
So zieh 9 ich lieber mich vor ihr zurück. 
Was frommt es dir, daß du nach ihr verlangst? 
Sie blickt dich spröde an — und du hast Angst! 



60 



M arietta : 
Sie ist so mild, sie kennt ja keine Strenge . . . 

Herzog: 
In ihrer Nähe fühV ich mich so enge . . . 
Sie ist so rein und ferne jeder Roheit, 
So unnahbar und jeder Zoll voll Hoheit. 
Ein Dornenzaun umgibt sie ohne Lücke, 
Zu ihrem Wesen find' ich keine Brücke . . . 
So kommt es, daß ich mir es eingestehe: 
Ich tauge nicht zu dieser Seelen-Ehe! 
Ich fühV mich ewig nun an sie gekettet . . . 
Marietta, du allein hast mich gerettet! 
Dem Selbstmord nahe, zweifelnd, abgespannt, 
Ich fühlte mich als Weib, entehrt, entmannt, — 
Gab mich dein Kuß dem heißen Leben wieder — - 
Ich schlag' den Blick vor meiner Frau nicht nieder. 

Marietta: 
Ihr macht mich glücklich, wenn Ihr mich begehrt; 
Ich hab 9 in Sehnsucht mich nach Euch verzehrt! 

Herzog: 
Kein Wort davon. Es ist mein fester Wille. 

Marietta: 
Warum so grausam? 

H er z o g : 

Stille jetzt, sei stille! 

Marietta : 

So wollt Ihr Eurer Frau, der spröden, kalten. 
Nur aus Prinzip und Angst die Treue halten? 
Und merkt nicht, daß im Hause etwas brenzelt, 
Der Maler stets um sie herumscherwenzelt?! 
Wie er sie anblickt, dieser eitle Prahler! 
Es muß heraus: Carina liebt den Maler! 



Herzog: 
Du lügst! Dies edle Weib lass' ich nicht schmähen! 

M ariett a : 
Der echte Hahnrei will es niemals sehen . . . 

Herzog: 
Du machst mich zornig, gegen dich empört, 
Der Ton, in dem du sprichst, ist unerhört! 
Ich kenne diese Frau, kann ihr vertrauen, 
Auf ihre Treue kann ich sicher bauen . . . 
Du aber wirst dies Schloß verlassen müssen! 

M ariett a 

(wütend): 

Sie ist zum Lieben da und ich zum Küssen! 

Ich bin die Sünde, sie ist ohne Makel! 

Ich bin das Weib und sie ist das Mirakel! 

Jetzt wollt Ihr mich noch aus dem Hause weisen?! 

Noch heute will ich zu der Tante reisen, 

Wenn dies der Dank für Liebe und für Güte, 

Weil ich stets wachsam Eure Ehre hüte. 

Wenn beide auch lateinisch konversieren, 

Kann ich die Augensprache kontrollieren. 

Bei jeder Sitzung blieb ich in dem Zimmer, 

Verlass' ich sie, dann wird es sicher schlimmer. 

Das wird ein Blicken dann, ein Flüstern, Schwärmen . . 



Zweite Szene. 

Herzogin 

(tritt während des letzten Satzes ein): 

Was geht hier vor? Was soll dies wüste Lärmen? 

M ariett a 

(heult laut auf): 

Das halte doch der Teufel aus! 
Ich geh noch heut aus diesem Haus! 
(Verläßt weinend das Zimmer.) 



52 



Herzogin: 
Warum dies Heulen, Zetern, diese Zähren? 
Willst du den ganzen Vorgang mir erklären? 

Herzog: 
Nicht gern. 

Herzogin: 
Nicht gern? Wie fass' ich dieses Wort? 

Herzog: 
Kein Mensch gibt sich dem andern ganz zu eigen. 
Hast du mir kein Geheimnis zu verschweigen? 

Carina: 

Mein Leben liegt vor deinen Augen offen, 

Ich berge nichts und haV auch kein Geheimnis. 

Herzog: 
Auch nicht ein — Lieben war zu viel gesagt — 
Auch eine Neigung nicht? 

C arina : 

Ich wüßte nicht . . . 

Herzog: 
Nicht immer weiß der Mensch, was ihn bewegt. 
Gefühle gibt's, die wir vor uns verbergen, 
Sie werden tief ins Innerste verlegt 
Und schlummern scheintot in der Seele Särgen. 
So mag's auch dir, Carina, jetzt ergehen. 
Daß du den Maler liebst, willst du nicht sehen! 

Carina: 

Da weißt du mehr von mir als ich allein, 
Dies Wissen muß dann dein Geheimnis sein. 
Ich bin dem Maler gut, wie einem Freund, 
Wie einem lieben treuen Kameraden, 
Durch seine Freundschaft sind wir jetzt vereint, 



Er hat die schwere Schuld auf sich geladen. 
Ein Priester ist er in dem Reich des Schönen, 
Feinfühlig schwelgend in den Farbentönen. 
Sein helles Auge sieht das Unsichtbare, 
Er gibt sich Mühe, daß icKs auch gewahre. 
So ist er mir ein Freund zugleich und Lehrer 
Und meines Wissens und Erkennens Mehrer. 
Er bringt mir aller Künste reinstes Licht . . . 
Dir mehr davon zu sagen, weiß ich nicht. 
Und war 1 es mehr, ich hätte unv erweilt 
Dir als dem Gatten alles mitgeteilt. 

Herzog: 

Verzeihe, daß ich dich mit Argwohn quälte, 

Kein Wunder isfs, wenn Eifersucht mich peinigt . 

Begreifst du nicht . . . 

C arina : 

Nein, nichts von diesen Dingen! 
Mißtrauen seh ich, unverdient, das schmerzt. 
Ich fühle auch, daß du nicht glücklich bist, 
Geheim bedauernd dieses Abenteurer. 
Der ganze Vorgang ist dir nicht geheuer. 
Ich muß dich jetzt an mich gefesselt sehen 
Und machte gerne alles ungeschehen! 

Herzog: 

Ihr Frauen lebt doch immer in Extremen! 

Heu? liebst du, morgen reut die Ehe dich — 

Es scheint, du willst den Gatten stets beschämen . 

Und der Gedanke ist mir fürchterlich. 

Wie anders dachte ich mir diese Ehe! 

Als einen Bund von gleichgestellten Menschen . . 

C arina : 

Isfs meine Schuld? War ich dir nicht zu Willen? 
Tat ich nicht alles, was du je begehrt? 



M 



Herzog: 
Was ich begehrt, das wolltest du erfüllen, 
Doch hob' ich immer mich nach mehr verzehrt. 
Ja, du bist kalt! Du läßt dich willig küssen, 
Ich sehne mich nach heißeren Genüssen. 
Ich will ein Weib, das mich verliebt umschmeichelt, 
Mir zärtlich Wangen, Haar und Stirne streichelt, 
Das mich umschmiegt mit ihren weichen Armen, 
Hingebung suche ich . . . und nicht Erbarmen! 

C arina : 

Was meine Pflicht, all das erfüll' ich willig, 
Was über meine Pflicht geht, kann ich nicht, 
Das kann das stolze Ich nur, wenn es muß . . . 

Herzog : 
Was kann dein Ich zur Unterwerfung bringen? 

C arina : 
Die Liebe, nur die Liebe kann mich zwingen. 

Herzog: 
Das ist's, was ich mit Schaudern denken muß: 
Du liebst mich nicht. Ich fühVs an deinem Kuß. 

C arina : 
Ich fand dich besser als die andern Männer . . . 

Herzog: 
Und irrtest dich — ein schlechter Menschenkenner! 

C arina : 

Ich irrte mich, ich sah dich fest entschlossen — 
Am nächsten Tage hat's dich schon verdrossen. 
Ich sah dein banges Zaudern, sah dein Schwanken, 
Ich sah die Angst der zitternden Gedanken, 
Ich merkte, daß du gern des Bildes Sendung 
Verhindert, suchend eine andre Wendung. 
Der Einsatz war zu hoch für dieses Spiel . . . 

55 



Herzog: 
Du gehst zu weit! Du schießest übers Ziel! 
Ich habe viel gewagt um deine Hand, 
Vielleicht sprach oft dagegen mein Verstand — 
Mein Herz entschied. Ich trage jede Bürde. 
Nenn' mir den Mann, der Gleiches wagen würde! 

C arina : 
Der Maler setzte auch sein Leben ein! 
Ein Künstler, der so viel zu sagen hat, 
Ein Leben, reich und stolz und unersetzlich. 
Er zog aus Freundschaft vor des Königs Thron. 
Dir aber winkte reicher Liebeslohn! 

Herzog: 
Still! Wecke nicht die Wildheit meines Zornes! 
Laß jetzt den Maler klüglich aus dem Spiel! 
Verdächtig wird mir jetzt der ganze Vorgang, 
Ja fast bestimmt getrau' ich mich's zu sagen: 
Der Maler war dein Freund und dir allein 
Galt seine Handlung. Heimlich nährt er noch 
Die Hoffnung auf den gleichen . . . Liebeslohn. 
Ich aber halte alle Schwüre heilig. 
Du schwurest mir, ein treues Weib zu sein! 
Mir bangt, zu grausem Tun treibt mich mein Hassen: 
Der Maler soll noch heut das Schloß verlassen! 

C arina : 

Willst du mir drohen, mir, dem schwachen Weib, 
Der Herzog, du, den sie den „Ritter u nennen? 
Unschuldig fühV ich mich an SeeV und Leib, 
Ich habe keine Sünde zu bekennen. 
In feiger Angst tvillst du den Freund mir rauben, 
Und raubst mir meine Unschuld und den Glauben. 
Mißtrauen trägt das Gift erst in die Seele, 
Mißtrauen zeugt, die es bekämpft, die Fehle. 
Warum könnt' dies nicht ungesprochen bleiben? 
Du weckst den Trotz, um mich zu dem zu treiben, 
Was dein Gedanke scheu vermeiden sollte! 



56 



Verletzte Eitelkeit war's, die mir grollte. 
Nun ist die Unbefangenheit verdorben, 
Der beste Freund, er ist für mich gestorben. 
Du aber, dem ich all mein Sein geschenkt, 
Hast tief das Edelste in mir gekränkt! 

Herzog: 
Verzeihe mir, Carina, o verzeihe! 
Gemein war meine Rede, niederträchtig, 
Der klaren Sinne bin ich heut 9 nicht mächtig. 
Ich weiß, wir passen wohl nicht recht zusammen, 
Es finden sich nicht unsre Liebesflammen, 
Und wäre die Erkenntnis nicht so schwer, 
Ich trüg' sie leichter. Nimmer, nimmermehr 
Will ich dir, Reinen, wieder nahetreten . . . 
Ich gehe jetzt um die Erleuchtung beten 
Und spreche noch einmal zum Herrn im Himmel. 
Dann aber dreimal wehe meinem Schimmel! 
Ich reite fort, die Gluten abzukühlen. 
Das arme Roß wird meine Sporen fühlen! 
(Er stürzt aus dem Zimmer.) 

Dritte Szene. 

(Die Herzogin geht sinnend auf und ab, dann bleibt sie vor ihrem Bilde 
stehen und blickt es an.) 

Herzogin: 
Ein fremder Zug starrt mir entgegen, 
Ich kenne mich nicht mehr auf diesem Bilde. 
Ihm eignet eine sonderbare Milde, 
Die Augen träumen, wie von schwerem Segen, 
So frauenhaft, so mütterlich, so heiß . . . 
Ist dieser Mensch in mir, von dem ich gar nichts weiß? 
Und warum wälz' ich schlaflos mich auf meinem Pfühl? 
Wie nenn' ich nur das marternde Gefühl, 
Das mich zugleich beseligt und erhebt, 
Als hätte ich bis heute nicht gelebt? 
V erborg 'nes will sich kühn dem Tage zeigen, 
Verdrängtes will nicht länger duldend schweigen . . . 
Der Herzog war im Recht, es fällt die Binde . . . 
Jetzt kenn 1 ich diesen Blick! So lockt die Sünde! 



Maler 

(tritt vorsichtig ein): 

Schon wieder hier! Wie oft hab' ich gebeten: 
Betrachtet es, erst bis es fertig ist. 
Das Halbe muß enttäuschen . . . Laßt das Bild! 
(Er verhüllt es.) 

C arina : 

Ja, ich bin schuldig! Neugier ist es nicht. 

Es reizt mich stets, dem Werden nachzuspüren, 

Den Keim der Frucht zart tastend zu berühren. 

Das Fertige in seiner reichen Fülle, 

Es ist doch nur ein Schein, des Werdens Hülle. 

Es lockt die Seele mehr zu jeder Frist, 

Das Ding, das wird, als das schon fertig ist . . . 

Ich lieb' das junge Feld, nicht satte Garben, 

Drum steh' ich forschend vor den ersten Farben. 

Maler: 

Die Hoffnung macht oft reicher als Erfüllung 
Und das Geheimnis seVger als Enthüllung. 
Und trotzdem treibt uns alle sonder Ruh 
Ein dunkler Drang stets einem Ende zu . . . 
Auch dieses Bild wird fertig mit der Zeit . . . 
Und das Verbot . . . Ich tat's aus Eitelkeit. 
Ich prunkte gern vor Euch mit dem Ergebnis; 
Das Ende träumt'' ich mir — als ein Erlebnis . . 

C arina : 

Die Eitelkeit, die sich erkennt, 

Die ihr Bestreben eitel nennt, 

Ist schon Erkenntnis und Gewinn. 

Ich seh mich gerne, wie ich bin. 

Und jedes Eurer Bilder ist im Anfang ehrlich, 

Es zeigt die Fehler alle, wenn auch spärlich. 

Am Ende aber wird's ein Kompliment, 

An dem man leicht die Schmeichelei erkennt . . . 



58 



Maler: 

Noch nie empfand ich meine Schwäche so, 
Als seit ich Euch zum Vorwurf mir genommen. 
Fern liegt mir Schmeichelei. Mein Pinsel zittert, 
Die Farben leuchten nicht, die Kunst versagt, 
Ohnmächtig, das Geschaute festzuhalten. 
Das Schöne sehend, kann ich's nicht gestalten! 

C arina : 

sprächet Ihr von meiner Schönheit nicht! 
Daß Ihr sie nie so wie die andern prieset, 
Erfreute mich, gewann Euch meine Freundschaft. 
Ich hasse sie, die — ach, mein Unglück wurde. 

Maler: 

Daß Ihr nicht glücklich seid, ich weiß es längst. 
Ich merkt 1 es an dem Schleier Eurer Augen, 
Wie Wolkenflor den lichten Stern bedeckend. 
Ich las es aus dem Beben Eurer Hände . . . 
Doch niemals kam dem Freunde der Gedanke, 
Daß Eure Schönheit Euer Unglück sei. 
Sie ist kein lügnerisches Aushäng schild, 
Das viel verspricht und wenig halten kann. 
Sie ist der reinste Ausdruck Eurer Seele, 
Der äuß're deckt sich mit dem inneren Menschen. 
Der Künstler muß im Bild die Seele bringen — 
Und nur bei Euch will mir das nicht gelingen. 

C arina : 

Wie es auch kommt, bringt doch das Bild zu Ende, 
Ihr malt mich heut' zum allerletzten Mal! 

Maler : 
Zum allerletzten Mal! Was soll das heißen? 

C arina : 

Der Herzog duldet's nicht, ist eifersüchtig, 
Und seinem Drängen füg' ich ungern mich, 
Weil er den Freund und Künstler wild bedroht . . 



59 



Maler: 

Das schreckt mich nicht. Ich fürchte nicht den Tod! 
Hab' ich mit einem Wort die Freundschaft je gebrochen? 
Was mich bewegt, hob' ich davon gesprochen? 

Carina: 
Das wissen w i r. Alein e r weiß es nicht, 

Weil Schein und Argwohn gegen Unschuld spricht. 

Wenn ich Euch bitte, meine Näh' zu meiden, 

So tu' ich es — ein schwacher Mensch der Pflicht. 

Viel schwerer, als Ihr wähnt, wird mir das Scheiden. 
Aus diesem Grunde halte ich Euch nicht. 
Ich achte meinen Schwur zu hoch! Drum geht! 
Laßt meinem Schicksal mich, eh es zu spät . . . 

Maler: 

Ich kann es nicht, ich kann nicht gehn, Carina! 
Ich liebe dich! 

Carina 

(wie verwandelt, als fiele eine Maske von ihr ab): 

Ersehntes Wort und doch so bang gemieden! 

sagt es noch einmal, 

Dies Wort der süßen Qual! 

Sagt's einmal noch, eh Ihr geschieden! 

Ein einzig Mal! Ein einzig Mal! 

Maler: 
Ich liebe dich, Carina! 

Carina 

(schließt die Augen): 

Wie Liebeswellen gleich die Töne gleiten! 
Wie Wiegenlieder aus versunkenen Zeiten! 
Wie klangen sie mir aus des Herzogs Munde 
So bang wie Glocken in der Sterbestunde, 
Wie dumpfe Glocken, deren Erz gesprungen — 
Ihr spracht ja nicht! Es tönte wie gesungen, 
Es klang so süß und voll, so rein und tief 
Und iveckte alles, was verborgen schlief. 



60 



Maler: 

Carina, noch einmal: Ich liebe dich! 

Ich liebte dich, als ich zuerst dich sah, 

Als Angst vor der Erfüllung mich durchzitterte, 

Als ich den Odem eines neuen Lebens witterte — 

Was einst ich liebte, sah ich jäh verschwinden, 

Um es vereint bei dir allein zu finden. 

C arina : 

Nie ahnte ich, daß Hören solche Wonne, 

Solch namenlos Entzücken in sich schließt. 

Daß man des Hörens Trank so vjillenlos genießt, 

Der Worte Strom sich in das Herz ergießt — 

Und Wort auf Wort baut sich zur Himmelsleiter — 

schweiget nicht — sprecht nur — o sprecht doch weiter! 

Maler: 

Ich suche nichts mehr, seit ich dich gefunden, 
Mein ganzes Sein fühlt sich an dich gebunden. 
Von erster Stunde warst du mir vertraut, 
Als wärst du schon von Einst her meine Braut, 
Als müßt' ich dich aus grauen Zeiten kennen, 
Von denen jetzt Jahrtausende uns trennen. 
Als wären unsre Seelen nahverwandt, 
Zugvögel aus dem fernen Wunderland . . . 
Wie fühV ich, daß wir gleichen Fluges sind! 
Ich liebe dich, du zeigst mir stolz ein Ziel. 
Nicht weil du schön bist, herrlich von Gestalt, 
Ich liebe deine zarte, reine Seele, 
Die wie ein Vogel schwebt ob aller Schwere. 
Ich lieb 1 in dir das Stolze und das Hehre. 

C arina : 

Mir ist, ich bin dem Irdischen entzogen, 
Ich bin wie einer andern Welt entflogen, 
Als hörte ich die tiefsten Quellen rauschen, 
Als müßt' ich ewig Eurer Stimme lauschen . . . 

61 



Maler.- 

Im Traum und im Wachen, bei Tag, bei Nacht 

Sag' ich: Carina! Immer wieder 

Flüstern die Lippen: Carina! 

Ich lauf in den dichten Wald und schreie, 

Ich ruf deinen Namen allen Winden, 

Den Vögeln, den Schmetterlingen zu: 

Carina! 

Ich schreib' deinen Namen auf ein Blatt 

Und starre es lange verzaubert an, 

Als wäre das Wort ein Wunder. 

Dann werf ich es in die Feuersglut 

Und seh' es lodern und weine . . . 

Wenn ich das höchste Glück mir denke, 

So reichst du mir die kleine Hand, 

Die mir so viel, so viel vertraut . . . 

Wie oft im Traume ging ich Hand in Hand 

Mit dir wie in ein Wunderland, 

Wir hatten den gleichen Wunsch zur Zeit, 

So fortzuwandern in Ewigkeit! 

Carina 

(mit geschlossenen Augen): 

Nimm meine Hand, sie ist so kalt wie Eis! 

Maler: 

meiner Liebe teures Unterpfand, 
Jetzt halt' ich dich — ersehnte Hand! 
(Er faßt sie bei der Hand.) 

Carina: 
Es fließt ein heißer Strom von deinen Händen, 
Er glüht und flutet auf mich ein, 
Es schmilzt das Eis, mit Feuerbränden 
Stürzt flammend das Gebälke ein 
Und reißt im Sturme alles fort, 
Was einstens Wall und Schutz und Hort. 

Maler: 

Ihr feinen, schmalen Hände meiner Frau, 
Ihr meines Sehnens Ziel, 



62 



Weiße Lilien keuscher Nächte, 
Ihr blassen Finger, zagend küss* ich euch! 
(Er küßt ihre Hand.) 

C arina : 
Laß ab, o Lieber! Liebster! Halte ein! 
Die Wonne wird zu groß, sie macht mir Pein! 
Vergaß ich doch, was unabänderlich . . . 
Vergaß ich doch die Welt und mich . . . 
Nun bittf ich dich, mein Freund, verlange nicht, 
Was zu verweigern mir unmöglich wäre. 
Sieh, einem anderen gehör' ich an . . . 
Welch töricht Wort! Denn ich gehör' nur dir! 
Was mein ist, das besitzest du allein. 
Jedoch mich hält mein Schwur, mich hält die Pflicht. 
Soll ich an meinern reichsten Tage, 
Am Tage wo wir uns gefunden, 
Zerstören, was mir Halt und Stütze war? 
Verlangst du es! Ich will es tun . . . 
„Nein u , sagt dein Aug und „Nein u dein Haupt. 
Ich habe fest an dich geglaubt. 
Dich sehen war für mich dich kennen — : 
Wir müssen uns für immer trennen! 

Maler: 
Ist das dein Ernst? Kann Liebe grausam sein? 

C arina : 

Muß ich, die Unglückselige wiederholen, 
Was mir die unbarmherzige Pflicht befohlen? 
Führ ich sie nicht so heiß, die gleichen Gluten? 
Muß ich nicht aus den gleichen Wunden bluten? 
Küß mir zum Abschied meine heißen Hände . . . 
Und male dann das Bild . . . Dein Bild, zu Ende! 

Maler 

(küßt ihr die Hände): 

Ich beuge mich vor deinem reinen Herzen 
Und alles werde, wie du es befiehlst. 
Ich fühle willenlos nur deinen Willen, 



68 



Ich könnte sterbend alle Sehnsucht stillen, 
Könnte mein wehes Herz in tausend Stücke reißen. 
Ich male jetzt, weil du es mich geheißen . . . 
(Geht zur Staffelei, während Carina sich zurechtsetzt) 

Carina: 
Ich möchte diese Stunde endlos dehnen . . . 

Maler: 

Ich sehe kaum — ich kämpfe mit den Tränen . . . 

Von meinem Tage zählt allein die Zeit, 

Die du — die Ihr dem armen Maler weiht. 

Die rote Stunde nenne ist sie gerne, 

Denn farblos stirbt die Zeit, die ich Euch ferne . . . 

Carina: 
Wie wißt Ihr Ausdruck dem Gefühl zu geben! 
Ich fand ihn nicht. — Ja, farblos war mein Leben! 

Maler: 

Die farblosen Stunden, wie fließen sie träge! 
Sie sickern wie Wasser im schlammigen Grunde. 
Ich fühle die Zeit: es fällt ihre Säge 
Vom Baume des Lebens die sterbende Stunde . . . 

Carina: 

Was ist mein Leben? Ein Wirbeltanz 
Farbloser Stunden, ein welkender Kranz, 
Ein stetes Entsagen, ein schweres Bekämpfen, 
Ein stilles Verbluten, ein schmerzliches Dämpfen 

Von allem, was leuchtet in flammendem Rot . . . 

Maler: 
Noch bleibt uns ein Ausweg . . . 

Carina: 

Ein Ausweg: der Tod! 

(Beide schweigen ergriffen und sehen einander in die Augen. In dieses 

Schweigen stürzt der Herzog in so hochgradiger Erregung, daß er nicht 

merkt, in welcher Extase sich Carina und der Maler befinden.) 

64 



Vierte Szene. 

Herzog: 
Minuten sind jetzt kostbar! Weh uns beiden! 
EiV auf dein Zimmer, um dich umzukleiden. 
Der König kommt in einigen Minuten. 
ich half ihn plaudernd auf, du mußt dich sputen. 
Marietta, die ich fand und schon verständigt, 
Erwartet dich, von gleicher Furcht gebändigt. 
Das Kleid gewechselt rasch und auch die Rolle! 
Geh jetzt! Ich zitfre vor des Königs Grolle. 
(Er führt die überraschte Herzogin, die kein Wort sprechen kann, zur Tür. 
Sie wirft noch einen Blick auf den Maler.) 

Male r : 
Ist es gewiß? Woher kam dir die Kunde? 

Herzog: 
Ich sah von fern des ganzen Hofes Runde. 
Marietta, die das Schloß verlassen icollte. 
Weil leicht beleidigt sie Carina grollte, 
Lief in den Wald. Dort an der Wiesenquelle 
Pflückt gerne Blumen sie. Ich kenn' die Stelle, 
Verlaß' zu Pferde aufgeregt das Schloß 
Und suche sie. Da merk' ich fern den Troß 
Der Reisigen und sehe einen Knappen. 
Der führt zur Quelle hin des Königs Rappen, 
Standarten wehten mit des Königs Zeichen! 
Ich kehre um, der Sporn bohrt in die Weichen 
Des Schimmels, der mich trägt. Nun bin ich da. 
Ein Glück, daß ich am Weg Marietta sah! 
Aufs Roß sie ziehend. stilV ich ihre Zähren, 
Kann ihr in Hast den Rettungsplan erklären. 
Auch Unterricht 9 ich gleich den Kastellan, 
Der sagt es meinen treuen Dienern an. 
Die mir ergeben alle bis zum Tod. 
Sie sind bereit und folgen dem Gebot. 
Marietta wird für sie die Herrin sein . . . 
Carina tritt in das Gesinde ein. 
Wir wollen uns nicht ohne Kampf ergeben, 
So rettf ich dir und mir vielleicht das Leben. 

Sfrferfj Da* s&lüeie Seil. ä 

u 



Maler: 

Du glaubst, der König wäre unterrichtet, 
Es sei kein Zufall^ daß er dich besucht? 

Herzog: 

Er weilt nicht gerne fern der Residenz. 

Drei Tagereisen sind's zu diesem Schloß. 

Er kommt mit einem Troß von Reisigen . . . 

Ich haW in vielen Schlachten Mut bewiesen 

Und nie hat mir gebangt . . . Heut bin ich furchtsam. 

Ich zittre wie der Sünder vor dem Richter, 

Ich wag' es kaum — ich muß es dir gestehen — 

Dem König offen ins Gesicht zu sehen. 

Maler: 

Du bist Soldat, der tapferste im Heere. 
So denk, des Königs Blicke wären Speere. 
Bleib unerschütterlich in der Gefahr. 

Herzog: 

Wie stark ich noch vor einem Monat war! 
Wie Samson haW ich meine Kraft verloren. 

Maler: 
Das Weib macht stark den Weisen, schwach den Toren. 

Herzog: 

Ich senkte gern vors Antlitz das Visier . . . 
Was nützt dies eitle Wünschen dir und mir? 

(Er erblickt erschrocken das Bild.) 
Verbirg, zerstör' dies Bild! Die Zeit, sie drängt. 
Ich sehe dich und mich schon aufgehängt. 
Das eben fürchf ich, das ist meine Not. 
Ich wünsch' mir einen ritterlichen Tod. 
Doch sieht der König dieses Bild der — Zofe, 
Dann schließt das Spiel mit einer Katastrophe! 
Zerstör das Bild! Es wird sonst zum Verräter, 
Du malst ein fünftes, sechstes Bildnis später! 



66 



Maler 
(zögernd): 

Das fünfte ist nicht dieses . . . Laß dir's sagen 

Ich will Mariettas Züge in das Bildnis tragen. 
(Er beginnt sehr rasch die Züge zu verändern.) 
So wollen wir den Zufall schlau benützen, 
Dies Werk soll die Komödie unterstützen. 

Herzog: 

(Sieht mit Erstaunen, wie die kleinen Änderungen aus dem Bilde seiner 

Frau das von Marietta gestalten.) 

War jetzt mir nicht so ernst zumuf, ich müßte lachen. 
Wie schnell kannst aus der Herrin du die Zofe machen! 

Maler: 
Wollf ich die hohe Frau Carina lästern, 
So sagte ich, sie gleichen sich wie Schwestern. 
Ich muß die Züge hier vergröbern, dorten streichen — 
Dann kann das Falkenweibchen einer Henne gleichen. 

Herzog: , 

Du gehst nicht höflich um mit diesem Kind, 
Viel feiner ist sie, als sonst Zofen sind . . . 
Seh 7 ich so ruhig dich, fühV ich beschämt, 
Wie mir der Schreck das ganze Denken lähmt 
Du bist so furchtlos, sicher, so gelassen, 
Es schüttelt mich, ich kann mich gar nicht fassen! . . . 
(Man hört das gleiche Trompetensignal wie im ersten Akt.) 
Was ist das? Horch! Gott, da ist er schon! 

Maler: 
Sei stark! Du stehst ja nicht vor Gottes Thron! 

Herzog: 
Noch nie sprach ich zum König eine Lüge . . . 

Maler: 
Jetzt hat das Bild Mariettas derbe Züge. 
Ich bin mit meiner Arbeit fast zu Ende. 
Es fehlen nur die plump geformten Hände. 

(Ironisch:) 
Sonst kann der Gattin Bild sich sehen lassen! 

5* 

67 



Herzog: 
Mir stockt das Blut zu Eis und du kannst spaßen! 

Fünfte Szene. 

(Der Kastellan öffnet die Türen.) 
Kastellan: 
Ein Freudentag für dieses Schloß! Ich melde 
Die Ankunft Seiner Majestät des Königs! 
(Der König, der Kanzler und großes Gefolge treten auf. — Der König 
ist ein schmächtiger, mittelgroßer, blasser Mann von ausgesprochen kind- 
lichem Typus. Zartes blondes Schnur rbärtchen, Fliege, die schultern Haare 
leicht gewellt. Der Blick unstet, das Gesicht im Ausdruck wechselnd.) 

König: 

(Blickt lange auf den Hersog und den Maler, die verlegen schweigen.) 

Da also wäre das Verbrecherpaar, 

Von denen jeder treuer Freund mir — war. 

Ihr schweigt? Hab ich zum Grollen keine Gründe? 

War, was Ihr tatet, keine schwere Sünde? 

Was steht Ihr schweigend da. so schuldbewußt? 

Habt Ihr für mich kein Herz in Eurer Brust? 

Das nenn' ich eine Freundschaft selt'ner Art, 

Die vor dem Freund durch Wochen sich verwahrt. 

Ihr sperrt Euch fern vom Hof auf diesen Sitz. 

Ich aber brauche Euch . . . das Schwert, den Witz. 

Ihr schweigt? Ich wird' mich wohl bequemen müssen, 

Das Paar als erster herzlich zu begrüßen. 

Herzog 
(der noch nicht weiß, ob der König zürnt oder gut gelaunt ist): 

Der Hornruf . . . und der König in der Pforte . . . 
Die Überraschmig raubte mir die Worte . . . 

König: 
Ich kam Euch beiden sicher unerwartet. 
Seid, liebe Freunde, mir gegrüßt. 

(Er reicht ihnen die Hand.) 
Ihr habt 

Mich Euren Anblick lang entbehren lassen. 
Da Ihr mir beide unentbehrlich seid, 
War ich genötigt, hier Euch aufzusuchen. 

68 



Herzog 

(atmet auf): 

So große Gnade meines Herrschers, 

Sie macht mich überglücklich. Ich verneige 

Mich ehrfurchtsvoll vor Eurer Majestät 

Und heiße sie auf meinem Schloß willkommen. 

Um Urlaub haV ich angesucht durch meinen Freund 

Und gnädig ihn von Eurer Majestät erhalten. 

Denn Liebende sind meistens schlechte Krieger, 

Wen Eros hält, der meidet gern den Tod. 

König: 
Wenn Eros selbst ihn nicht zum Hades sendet. 
So manche Liebe hat auch so geendet. 

(Der Herzog erbleicht.) 
Ich find Euch, Herzog, blaß und abgezehrt, 
Im Kriege habt Ihr besser Euch genährt. 

Herzog 
(verlegen): 

Ich bin nicht wohl . . .verkühlt . . . ein leichtes Fieber . . . 

König 

(besorgt): 

Ich hoff' nichts Ernstes . . . 

Herzog 

(rasch): 

Es geht bald vorüber. 

König: 
So hat das Liebesfieber Euch gepackt. 
Es war schon Zeit, Ihr bliebt zu lange nüchtern, 
Wart Frauen gegenüber allzu schüchtern — 
Nun, geht zu Eurer Frau recht fleißig in die Schule . . . 

(Zum Maler:) 
Und du, mein Freund der Kunst, wie heißt die neue Buhle ? 
Ist dieses Schloß so reich an schönen Frauen, 
Daß du so lange bleibst? Mir kannst du es vertrauen, 
Du bist ein loser Vogel und dich hält 

m 



Allein ein Weib, das grade dir gefällt. 

Du fehltest mir, dein Plaudern und dein Malen . . . 

Der ganze Hof erleidet Sehnsuchtsqualen . . . 

Maler: 
Es macht mich glücklich, daß die Majestät 
Zu Kunst und Künstler also freundlich steht. 
Nicht Liebe haV ich, ein Modell gefunden, 
Das liebenswert und das mich hält gebunden. 
Ein Vorwurf, der mein armes Können reist . * . 

König: 
Und der dein Herz mit neuen Gluten heizt 
Hier stehst du ja vor deinem neuen Werke — 
Es zeigt als Künstler dich in alter Stärke. 
Auch das Modell erkenne ich genau, 
Ein gleiches sah ich schon . . . des Herzogs Frau! 
Sind ihre Hände wirklich auch so fein? 
So mancher Künstler pflegt den Frau'n zu schmeicheln 
Es muß ein wunderbarer Segen sein, 
Wenn diese Hände liebreich streicheln. 

(Zum Herzog:) 
Um ihrer willen hätf ich seinerzeit 
Beinah statt Euch dies Wesen selbst gefreit. 

Herzog 
(verlegen): 

Dann hätf ich es vermocht, zurückzustehen . . . 

König : 
In dein Gehege wollf ich doch nicht gehen. 
Doch raf ich dir: laß nicht zu viele Bilder malen, 
Du wirst verarmt und mußt den Maler doppelt zahlen. 
Doch nicht mit Euch zu scherzen kam ich her: 
(Auf einen Wink des Kanzlers verläßt das Gefolge den Saal.) 
Ein Unternehmen drängt, sehr kühn und schwer, 
Es handelt sich um Biegen oder Brechen. 
Der Kanzler wird zu meinen Freunden sprechen. 



70 



Kanzle r: 
Weil ich Euch treue Freunde weiß des Herrn. 
So weih 7 ich Euch in das Geheimnis ein. 
Der König ist der Vormundschaft des Marschalls müde. 
Zwar nennt er sich jetzt nur noch ,,Exregent'\ 
Doch hält er immer fest die Macht in Händen. 
Weil er den Söldnern schmeichelt, sie verwöhnt, 
Sie nur an seinen eignen Namen fesselt. 
Der König will der König sein im Land. 
Des größten Teils des Adels ist er sicher, 
Er weiß, daß Ihr dem Marschall wenig hold . . . 

Herzog: 
Er ist das Unglück unsres Reichs und auch 
Das Unglück unsres Königs! Majestät verzeiht, 
Daß ich so offen zu dem Kanzler rede. 

König: 
Du sagst nur, was ich selbst mir immer sage. 

Kanzler 

(mit gedämpfter Stimme): 

Wir werden uns vom Marschall bald befrei'n. 

Der König will ihn in ein Kloster sperren, 

Wenn er erst Macht genug hat, es zu tun. 

Ihr, Herzog, seid beim ganzen Heer beliebt, 

Der Einzige, der ihm die Stange hält. 

Euch folgen sie, wenn Ihr sie gehen heißt. 

Ein starkes Heer ist hier nicht fern versammelt, 

Von Haufen, die als königstreu erprobt. 

Der Führer fehlt, der sie zum Siege leitet. 

Als Vorwand ward des Nachbarn Droh'n genommen . . . 

König: 
Bist du bereit? Willst du mit uns jetzt kommen? 
Führst du den großen, den gewagten Streich? 
Und rettest deinem König Thron und Reich? 

Herzog: 
Ob ich es will? Mit Kopf und Herz und Hand! 

71 



König 

(zum Kanzler): 

Ich kenne ihn. Ich habe stets gewußt, 
Ein treues Herz schlägt in des Herzogs Brust 
Die Antwort sagt' ich vorher Euch genau. — 
Mein Herzog, wo ist Eure schöne Frau? 

Herzog: 

Sich umzukleiden ist sie jetzt gegangen, 
So hohen Gast auch würdig zu empfangen. 

K ö n i g : 

Wozu die Umstand? Nur für eine Nacht 
Hat mich des Reiches Not zum Freund gebracht. 
Sie ist in jedem Kleide ivohl gelitten. 
Sagt Eurer lieben Frau, ich laß sie bitten. 
Wir reiten alle fort am frühen Morgen . . . 

Herzog: 
Ich eile, um den Auftrag zu besorgen. 

König 

(zum Kanzler): 

Ich weiß, daß du noch viel zu sprechen hast, 
Du hast ein ganzes Expose verfaßt . . . 

Kanzler: 
Ich lese es, es ist ja fix und fertig. 

König: 

Ich kenn' es ja, mir ist es gegenwärtig. — 
Ich wollt', ich täte lieber gar nicht mit, 
Für mich ist es ein ungeheurer Schritt. 
Der Marschall war mir mehr als ein Berater, 
Ich zitterte vor ihm wie vor dem Vater, 
Zwar war er meinem Herzen niemals wert, 
Doch gern vermied ich gegen ihn das Schwert . 
So zieh dich mit dem Herzog nun zurück, 
Besprechet alles sorgsam, Stück für Stück. 



72 



Ihr beide werdet Politik jetzt treiben, 
Ich will allein mit meinem Maler bleiben . . 
Gewisse Fragen löst nur er genau. 

(Zum Herzog:) 
Und seid ihr fertig, kommt mit Eurer Frau! 
(Herzog und Kanzler ab.) 

König: 
Nie werd' allein ich Staats ge Schäfte führen. 
Mich intressieren deine Aventüren! 
Erzähl, was es da Neues gibt! 

Maler: 
Das Neueste: ich bin verliebt! 

König: 

Das warst du schon an tausend Mal 
Und immer wuchs und wuchs die Zahl. 

Maler: 
Es war kein Ernst, nur leichtes Spiel, 
Ein Tasten nach dem großen Ziel. 

König: 
Du sprachst so oft: ich hab dich gern! 
Dein Himmel blinkte Stern an Stern. 

Maler: 
Das Sterngewimmel schwindet ganz 
Vor einer Sonne hellem Glanz! 

König: 
Sprich, toelches Mädchen wunderfein 
Fing sich den losen Vogel ein? 

Maler: 

Ach, wär's ein Mädchen, das noch frei, 
Ihr hörtet einen Jubelschrei! 



1 König: 

So ist der neue Zeitvertreib 
— Wie schon so oft — des Andern Weib? 

Maler: 
Es ist kein Zeitvertreib , es ist Entsagung. 
Ich liebe eine stolze, keusche Frau, 
Ganz ferne jedem irdischen Begehren. 
Sie sündig küssen, hieße, sie entehren. 
Und ihre stolze Ehre ist die meine. 
Erst jetzt begreif ich eines Weibes Reine. 

König: 
Ist es des Herzogs schöne Frau, die dich gemeistert? 
Ich sah dich oft verliebt, doch niemals so begeistert 

Maler: 
Mein König, ja! Ich will dich nicht belügen . . . 

König: 
Dann liegt des Herzogs Ehe in den letzten Zügen . . . 
Weiß er davon? Und was sagt sie dazu? 

Maler: 
Bis heute lebte sie in stiller Ruh 
Und ließ der Liebe Saaten heimlich keimen. 
Wir freuten uns an Bildern, Büchern, Reimen 
Und nannten Freundschaft, was schon Liebe war. 
HeuV aber wurde es der Freundin klar. 
Mein Unglück kann ich in die Worte fassen: 
W eil sie mich liebt, muß ich dies Schloß verlassen. 

König : 

Wie sonderbar, daß es auch solche Frauen gibt . . . 
Und weiß der Herzog, daß die Frau den Andern liebt? 

Maler: 
Er ahnt schon lang den wahren Sachverhalt, 
Er klagt, die Gattin wäre scheu und kalt . . . 



74 



Er selbst scheint mir nicht minder nüchtern, kühl, 

Als hätf er für Carina kein Gefühl. 

So sieht des Herzogs Liebesheirat aus. 

Das Unglück wohnt und weint in diesem Haus. 

König 
(wird immer ernster. Das Gespräch, das scherzhaft begonnen, packt ihn 
innerlich. Seine Miene verändert sich, er zeigt einen anderen Menschen): 

(Zu sich:) 

Soll das des Schicksals strenge Rache sein . . .? 

Male r : 
Des Schicksals Rache? Das versteh' ich nicht. 

König 

(verlegen): 

Weil er der Frauen Zauber widerstand, 
Der Keusche war an einem Hof der Liebe . . . 
Du aber gabst dich nie so leicht geschlagen. 
Willst du den Kampf um diese Frau mcht wagen? 

Maler: 

Die Herzogin ist keine leichte Frau, 
Sie geht den schweren, strengen Weg der Pflicht, 
Auch wenn ihr Herz zu meinen Gunsten spricht. 
Drum, wollt Ihr eine Gnade mir erweisen, 
Laßt mich in Eurem Heere für Euch kämpfen 
Und sterbend will ich dann den Himmel preisen, 
Denn nur der Tod kann meine Gluten dämpfen. 

König : 
Dein Pinsel wiegt mir schwerer als dein Schwert 
Ist diese Frau dir mehr als alles wert? 

Maler: 
So wert, daß alles andre seinen Wert verliert . . . 

König: 
So hat auch mich einmal ein Weib regiert . . . 
Es war einmal . . . Noch blutet meine Wunde. 

75 



Mein armer Freund — ja, heute ist die Stunde, 
Wo ich mich ganz dem Freund enthüllen kann. 
Ich bin ein unglückseliger, kranker Mann — 
Ich liebte — liebe noch mit gleichem Sinn 
Ein wundersames Weib . . . 

Maler: 

Die Königin! 

König 
(in sich versunken): 

0, unermessen innig war mein Lieben! 

Maler: 
Und habt sie doch im Zorn davongetrieben? 

König: 
Als erster höre, was sich zugetragen. 
Was sie mir war, ich kann es dir nicht sagen. 
Wie glücklich hat Celesta mich gemacht! 
Welch' heiße Wonnen habe ich genossen! 
Sie hat mir jede neue Liebesnacht 
Des Paradieses Pforten aufgeschlossen. 
Da kam der Tag, an dem ich sie verlor, 
Mein Leben, meine Minne, mein Ergötzen! 
Erst glaubte ich — ein wahnerfüllter Tor — 
Ein andres Wesen könne sie ersetzen. 
Es war fürwahr ein leerer, eitler Wahn! 
Es fing ein ungestilltes Suchen an. 
Denn ach — ein andres Weib, das sie erreicht, 
Das ihrem wundersamen Wesen gleicht, 
Es war trotz allen Suchens nicht zu finden. 
An keiner andern könnt' ich mich entzünden. 
Ich ließ in finstrer Nacht die Buhlen kommen, 
Ich fühlte manche herrliche Gestalt . . . 
Sie waren kalt! Die Lust war mir benommen, 
Verglich ich sie mit jener Urgewalt . . . 
Ich schließe dann die Augen, jeden Sinn, 
Mich narrt der Wahn, ich küss' die Königin. 
Celesta birgt für mich die Möglichkeit 



76 



Zu jeder Liebe ganz allein in sich. 

Schließ ich die Augen, schwindet Raum und Zeit 

Nur sie, nur sie gewahren meine Sinne 

Die Frauen wechseln. Jede Liebesnacht 
Ich hob* sie mit der Königin verbracht 

Maler: 
Den Liebe Strunk kredenzt die Phantasie! 

König : 
Ich halte, streichle, herze, küsse sie, 
Ich denk\ ich hör\ ich fühl' kein andres Weib — 
Ach, es erwärmt sich niemals dieser Leib. 
Und wollte ich sie tausendmal umarmen — 
Frau Venus zürnt mir; sie kennt kein Erbarmen. 

Maler: 
So sind sie alle, jung und unerfahren — ? 
Die Liebeskunst, sie lernt sich mit den Jahren . 

Koni g : 
Vergebens, was auch ich von Künsten weiß, 
Sie bleiben starr und sind so kalt wie Eis. 
Das macht mich ja dem Schicksal so ergrimmt! 
Für jeden Ma?m ist wohl ein Weib bestimmt, 
Sein Weib! Und hat er einmal dies gefunden, 
So danke er dem Himmel alle Stunden! 

Maler: 
Die Königin Celesla war die eine . . . 

König: 
0, Freund, wenn mich Celesta minnig küßte, 
So brannten Tage nachher meine Lippen, 
Mein Mund trug einen Wohlgeschmack an sich, 
Des Süßigkeit ich nicht beschreiben kann. 
Und ihre Zärtlichkeiten! Heiße Ströme 
Von Wonnen rieselten durch meinen Körper . . 
Wie eine rote Blume ihren Kelch 



77 



Den heißen Sonnenstrahlen willig öffnet, 
Der kühlen Abendluft sich scheu verschließt, 
So sprangen alle Riegel ihres Schreins — 
Sie wurde ich, ich wurde sie, 
Wir waren Eins! 

Maler: 
Die Stunde drängt, Vertrauen anzutragen — 
Was zwang Euch, dieser Liebe zu entsagen? 

König : 
Ich wollte ihr als Mensch der nächste sein, 
Ich wollte auch ihr Herz als Ganzes haben, 
So ungeteilt, daß ich selbst auf die Mutter, 
Der sie, ein zärtlch Kind, stets zugetan, 
Fast unnatürlich eifersüchtig war. 
Und immer wieder mußte ich sie fragen: 
Liebst du mich noch? Liebst du mich noch allein? 
Der Marschall haßte sie. Sie hielt mein Herz, 
Das er bisher nach seinem Willen lenkte. 
Vergebens senkte er des Mißtrauns Gift 
Mir in das sichre Herz. Anzüglichkeiten 
Und Stichelei'n, die auf den Herzog wiesen, 
Den Einzigen, den meine Frau noch schätzte, 
Mit dem sie hie und da Vertrautes schwätzte, 
Die wollte ich nicht hören und verstehn, 
Ich ließ, ein blinder Mensch, die Dinge gehn. 
Ich gab, was Liebe geben muß: Vertrauen, 
Auf Freund und Gattin wollt' ich sicher bauen . . 

Male r : 
Der Herzog zeigte sich als Ehrenmann . . . 

König: 
Ich wußte, daß kein Weib ihm nahen kann. — 
Doch höre weiter: ihre sieche Mutter 
Erkrankte schwer, sie mußte zu ihr reisen. 
Ich ließ sie ziehn, mit schwerem Herzen nur, 
Und zog mich in ihr Zimmer still zurück. 



78 



Da lebte ich die Tage voie verloren; 
Die ganze Zeit, sie war ein Warten nur, 
Ein Sehnen nach der Stunde ihrer Rückkunft. 
Ich atmete den Duft der Kleider ein, 
Des Taschentuchs, das sie getragen hatte, 
Ich lebte ihrer Liebe nur allein. 
Als sie von meinem Hals in heißen Tränen 
Mit Küssen ungezählt sich losgelöst, 
Gab sie mir auch ein kleines Medaillon 
Und bat mich, es verborgen stets zu tragen. 
Es war für sie fast wie ein Talisman, 
Nie legte sie es ab, es war ihr teuer, 
An ihrem Halse hing's bei jeder Liebesfeier. 
Dies Schmuckstück ließ ich durch die Finger gleiten, 
Es küssend, dacht' ich an die schönen Zeiten, 
Da dieser zauberhafte Liebessegen 
Auf ihrem süßen, nackten Leib gelegen. 
Da plötzlich find ich, törichter Geselle, 
In seiner Rundung eine rauhe Stelle, 
In die gerad' mein scharfer Nagel dringt. 
Ich treffe eine Feder. Wie sie springt, 
So öffnet sich das feingefügte Blatt, 
Ich merke, daß es eine Inschrift hat, 
Mit kleinen Lettern säuberlich geschrieben. 
Ein Herz, ein Pfeil, die Überschrift: Mein Lieben. 
Nun überflieg' ich rasch der Worte Kette — 
Oh, daß ich nie den Vers gelesen hätte, 
Der diesem Sinnbild deutlich beigefügt! 
So höre jetzt mit kritischem Verstand, 
Was in dem Medaillon geschrieben stand: 
„Lieb ich d e n Koni g? Ich lieb ihn s e hr! 
Den Ritter lieb ich noch viel mehr. 
Der nicht r e giert, den Erdensohn, 
Mehr als den König und die Krön 1 . 
Geheimnis ihm, nur mir bewußt, 
Trag' i ch's beseligt auf der Brus t." 
(Zeigt dem Maler das Medaillon.) 

Maler 
(wiederholt das Sinngedicht) 

Den Sinn der Worte fass' ich schwer . . . 



79 



König: 
„Den Ritter lieb ich noch viel mehr" . . . 
Das sagt genug. „Den Mann, der nicht regiert 1 ' . 
Sahst du schon einen Mann, wie er verliert 
Im Augenblick, was lieb ihm war und teuer? 
Ich schrie wild auf, schalt sie ein Ungeheuer, 
Vof meinen Augen sah ich rote Flammen, 
Ich raffte ihre Kleider all zusammen, 
In blinder Wut riß ich in tausend Stücke 
Die Überreste von dem Liebesglücke. 

Maler: 
Eindeutig scheint mir nicht das Sinngedicht, 
Ein eifersüchtig Herz hält falsch Gericht; 
Ihr gabt im blinden Zorn das Beste preis. 
Für Eure Klage fehlt Euch der Beweis. 

König: 

Beweis genug des Spruches tiefer Sinn. 

Der Marschall wies auf die Bedeutung hin . . . 

Maler: 
Der Marschall? 

König: 
Ja, er hörte meinen Schrei, 
Unangemeldet eilt er rasch herbei 
Und während er vor Mitleid schluchzt und weint, 
Beweist er, daß der Vers den Herzog meint, 
Den Mann, der nicht regiert und ohne Krön', 
Den man den „Ritter" nennt und Erdensohn. 
Auch zeigt der Sinn der Inschrift unleugbar, 
Daß es des Freundes Will' und Schuld nicht war 
Deshalb ließ ich den Herzog ungeschoren, 
Der Liebe aber hob ich abgeschworen. 
Ich riß sie unter tränenreichen Schmerzen 
Gefoltert, blutend, ganz aus meinem Herzen. 
Celesta liebend, war ich frei von Schuld, 
Nun schenkt' ich jeder Dirne meine Huld. 
Ich nahm, was leicht mir meine Stellung bot. 



W 



Dem Satan gab ich mich in dieser Not, 

Ich wurde grausam, häufte Schreck auf Schrecken, 

Ein einzig Wort könnt' meinen Haß erwecken, 

Vorher erstarkte ich bei ihr zum Mann, 

Nun war ich wieder andern Untertan. 

Der Marschall, dessen Macht schon halb verfallen, 

Er hatte wieder mich in seinen Krallen. 

Maler: 
Und diesem Manne habt Ihr Euch verschrieben, 
Der falschen List geopfert Euer Lieben! 

König: 
Die Wahrheit des Beweises! Sonnenklar 
Könnt' ich ersehn, daß sie doch treulos war, 
Der Priester, dem die Königin gebeichtet, 
Gestand, von einem höhern Sinn erleuchtet 
Dem Majordomus, daß ihr sündig Lieben 
Sie auch zu frommen Buße hingetrieben . . . 

Maler: 
Netz von Lüge und von Niedertracht! 

König: 
Was habe ich für Qualen durchgemacht! 
Das Fürchterlichste war mir ja beschert: 
Wenn heiße Liebe sich in Haß verkehrt. 
Was von ihr sprach, ich legte es in Bann, 
Ich sah, daß nur die Liebe töten kann, 
Daß wir vertrauend, liebend wie ein Kind, 
Im Innersten doch unverletzbar sind. 
Doch wehe, wenn er stürzt, der stolze Bau, 
Wenn dich betrügt, die du geliebt, die Frau! 
Ich malte mir in meiner Phantasie, 
Ich frage, schlage, foltre sie. 

(Gerät in immer größere Aufregung.) 
Wo bist du nur, du feile Metze?! 
Fingst mich in deinem feinen Netze? 
Willst du mir noch für deine Treue bürgen? 
Mit diesen Händen will ich dich erwürgen, 
Erdrosseln dich, in tausend Stücke schneiden 
Und jubelnd mich an deinen Qualen weiden! 

Stehel, Das goldene Seih 6 

81 



Maler: 
Dämonisch tobt des Hasses wilde Flut! 

König: 
In solchen Stunden lechze ich nach Blut . . , 
Sie dürfte nicht in meines Schwertes Näh\ 
Sie war' ein Kind des Todes. All mein Weh 
Sucht sie allein als meiner Rache Ziel . . . 
Ohnmächtig bin ich, aller Lüste Spiel, 
Ich wüte, wie ein wild gereizter Stier. 
Ich bin kein Mensch, ich bin ein grausam Tier. 
Drum ließ ich sie aus meinem Schlosse weisen, 
Ich zwang sie, ohne Aufschub heimzureisen, 
Dankbar für das, was sie gegeben hatte . . . 

Maler: 
Es irrte sich manch eifersüchtiger Gatte. 

König : 
Sprich ihn nicht aus, den furchtbaren Gedanken, 
Mach, was der Haß mir aufgebaut, nicht wanken! 
Mein Leiden ist schon ohnedies unsäglich . . . 
Doch meine Qualen würden unerträglich . . . 
HäW ich ein treues Herz so schwer verwundet, 
Daß es im Leben nimmermehr gesundet. 
Ich habe schlaflos manche lange Nacht 
Das schreckliche Erlebnis überdacht 
Und immer trug ich eine schwere Last 
An dieser Frage: Wenn du Unrecht hast?! 
Sie konnte mir allein der Marschall lösen . . . 
Und er entschied sie immer nur zum Bösen . . . 



Sechste Szene, 

(Während der letzten Worte ist der Marschall eingetreten. Ein langer, 

bleicher, hagerer Mann in dunkler Kleidung, so daß er fast wie ein Mönch 

aussieht. Spitzer, leicht melierter Bart, die Haare kurz geschoren, grau. 

Stecnender, lauernder Blick. Gemessenes, überlegenes Wesen.) 

Marschall: 
Zum Guten, Majestät, ich lenke nur zum Guten . . , 

82 



Maler: 
Der Marschall . . . 

Kön ig 

(erschrocken, bleich, zitternd): 

Wie! belauscht Ihr mein Gespräch? 

Marschall: 
Mein Recht als Majordomus nehme ich in Anspruch, 
Unangemeldet kann ich stets vor Euch erscheinen, 
Wenn dringend Staats ge Schäfte es erfordern. 
Was ich mit Euch besprechen muß, ist von so ernster Art, 
Daß es nicht andre Zeugen duldet. 
(Strenge zum Maler:) Laßt uns jetzt! 

König 

(zum Maler): 

Du wartest in der Nähe meinem Rufe! 

(Maler ab.) 
War es so dringend, dieses Staatsgeschäft? 

Marschall: 
Die sorgenvolle Liebe trieb mich her. 

König: 
Wenn ich an diese Liebe glauben könnte! 
Mein ganzes Leben folgt mir dieses Wort, 
Mit deiner Liebe hast du mich gepeinigt, 
Den Schlaf der Nächte und des Herzens Frieden 
Entwendet mir . . . Geh deiner Wege, Marschall, 
Und laß mich ungestört bei alten Freunden. 

Marschall: 
Erzeugung und Erfahrung uns belehrt: 
Nenn' Freund den Menschen, der sich schon bewährt! 
Zu Freunden hast du viele schon erhoben . . . 
Allein du solltest sie zuerst erproben! 

König: 
Du meinst, der Herzog, Kanzler und der Maler, 
Sie wären keine Freunde in der Not? 

6* 

88 



Marschall: 

Was sind sie? Streber, Heuchler, Lügner, Prahler! 
Das Sprichwort gilt: Ein Dutzend auf ein Lot. 

König : 
Du hast mir oft dein Freundesherz gepriesen, 
Doch sag, Marschall, ivie hast du es bewiesen? 

Marschall 

(würdevoll): 

Dein weites Reich hob' ich dir treu verwaltet, 

In deinem Dienst als strenger Herr geschaltet. 

Die stolze Herrschaft gab ich Stück um Stück 

Ohn' Hinterhalt in deine Hand zurück. 

Ich weiß, daß man mich dunkler Ränke zeiht, 

Daß jeder Fant mit Geifer mich bespeit. 

Sie sagen, daß ich nach der Herrschaft strebe, 

Weil ich die ganze Macht dir noch nicht gebe . . . 

Zu deinem eignen Segen tu icKs nur. 

Du bist zu jung, du folgst der ersten Spur, 

Vom Herzen läßt dein Sinn sich unterjochen . . . 

Wo das Gefühl herrscht, wird das Recht gebrochen! 

Im Kampf mit dir mußt du den Willen stählen. 

Nur wer sich selbst beherrscht, darf anderen befehlen! 

König : 
Erfahrung, Übung macht allein den Meister. 

Marschall: 
Die Herrschaft ist kein Spiel für freie Geister! 
Ich habe oft den Lehrsatz ausgesprochen: 
Regieren heißt, sich selber unterjochen, 
Dem allgemeinen Wohl den Willen beugen. 
Nun rufe ich dein edles Herz zum Zeugen, 
Gestehe mir mit aller Offenheit: 
Bist du schon deiner Herr zu jeder Zeit? 

König : 
Wer hätte gänzlich sich in der Gewalt? 
Du selber nicht und bist schon fünfzig alt! 



94 



Marschall: 

Nenn 1 mir ein Beispiel, da die Leidenschaft 
Mir raubte meines Geistes freie Kraft! 

König : 
Parteiisch warst du einst — in meiner Sache. 
Du triebst mich an zu ungehemmter Rache. 

Marschall: 
Weil ich die Königin als falsch erkannt . . . 
Hier hat mich die Empörung übermannt 
Den König, von dem Reich mir schutzbefohlen, 
Sah ich um seine Ehre schnöd bestohlen! 

König : 
So triebst du mich der Sünde in die Arme. 
Unglücklich bin ich, daß sich Gott erbarme! 
war ich lieber blind und taub geblieben! 
So hast du mich dem Laster zugetrieben. 

Marschall: 
Die ärgste Sünde ist ein treulos Weib im Haus. 

K önig : 
Die eine Sünde jagte ich hinaus, 
Um tausend andre Sünden zu begehn, 
Verzweifelt, ungeliebt, allein zu stehn. 

Marschall: 
Die schönste Frau wollt' ich dir drum vermählen. 

König: 
Die schönste Frau? Dies Bild kann es erzählen. 
Wo ist der Reiz, der mein Begehren bändigt? 
Wo sitzt der Geist, der sich mit mir verständigt? 
Sieh diese niedre Stirn, die derbe Nase — 
Und wenn du kannst gerate in Extase. 



8§ 



Marschall: 
Das eben macht mich heute so ergrimmt: 
Das ist nicht sie, die ich für dich bestimmt! 

König : 
Das ist Carina nicht, die Herzogin? 

Marschall: 
Marietta, ihre Kammerdienerin! 

König: 
Und was bedeutet dieses Qui pro quo? 

Marschall: 
Noch faßt du nicht das Wie und Wann und Wo, 
Auch nicht das wichtige Wozu — Warum . . . 
Die Sache ist fast grad so schlau als dumm. 
Doch lehr 1 ich heute dich die Freunde kennen. 
Bald wirst den Herzog anders du benennen . . . 
Vergangenes wird klarer sich gestalten: 
Der Herzog wollte sie für sich behalten! 

König: 
Wen meinst du? 

(Auf das Bild zeigend.) 

Diese Frau hier? Diese Dirne? 

Marschall: 
Ach nein, dies Mädchen mit der niedern Stirne 
War seiner Hoheit doch kein Leckerbissen . . . 
Von ihrer Herrin Schönheit hingerissen, 
Des Werbers stolzes Ehrenamt vergessend, 
Den Abgrund seiner Sünde nicht ermessend, 
Ließ von dem Maler er die Zofe konterfeien 
Und sandte dann ihr Bild zu Hofe ein. 
Warum's der Maler tat, fehlt mir die Kunde, 
Der saubere Kumpan ist mit im Bunde. 
Der Herzog aber hat Carina sich vermählt . . . 

König : 
Wer hat dies dumme Märchen dir erzählt? 



86 



Marschall: 
Wer herrschen will, benötigt fremde Augen, 
Er muß aus trüben Quellen Wahrheit saugen, 
Für gute Worte und für hohen Lohn 
Wird mancher Ehrenmann für mich Spion. 
Nicht blindlings sollst du meinem Wort vertrauen. 
Vergleiche scheinbar ruhig beide Frauen. 
Von diesem Unfug haW ich sichre Kunde . . . 

König: 
Der Kastellan? 

Marschall: 
Ich hab's aus seinem Munde. 
Ich gehe jetzt. Du prüfst, vor mir gewarnt 
Wie deiner Freunde Schar dich schlau umgarnt, 
Den Plan vereitelnd, der des Königs Jugend 
Verweisen wollte auf den Weg der Tugend . . . 
Gesteht: der Herzog ist ein Mann von Witz. 
Des Königs Eigentum nur reizt ihn zum Besitz. 
Es ist das zweite Mal, daß dieser Mann 
Ganz ungestraft den Frevel wagen kann! 

König: 
Ich glaub es nicht! Mein Herz so rein und offen i 
Hätt' in der Freunde Wahl stets falsch getroffen? 
Der Kanzler, Maler, Herzog im Komplott?! 
Ein solcher Frevel schriee ja zu Gott! 
Wie stark mein Herz der Kunde widerspricht! 
Was du mir sagst — Marschall, ich glaub 7 es nicht! 

Marschall: 
So prüfet streng, die Wahrheit wird sich zeigen. 
Bald steht vor Euch der falsche Freunde Reigen. 
Das Aug' des Kenners wird sich unter beiden 
Nur für das ihm bestimmte Weib entscheiden, 
Und Ihr erkennt, wie Ihr beraten seid! 
Ich komm' erst wieder in der Morgenzeit. 
Noch weiß ich nicht, wie Ihr die Prüfung macht. 
Auf jeden Fall wünsch' ich Euch gute Nacht . . . 

(Ab.) 
(Der König bleibt sinnend in tiefer Betroffenheit stehen.) 



87 



Siebente Szene* 

Kanzler: 
Verzeihet, Majestät, daß ich Euch störe ... 

König: 
Ist's eines Freundes Stimme, die ich höre? 
(Betrachtet den Kanzler forschend.) 

Kanzler: 
Was blickt Ihr mich so seltsam forschend an? 

König : 
Die Augen lügen nicht. Treu ist der Mann. 

Kanzler: 
Ah, ich verstehe . . . Eben ging er fort, 
Der Marschall, dessen schlaugefügtes Wort 
Euch schon wie oft aufs neue wankend macht . . 
Ich hätte, König, stärker Euch gedacht! 

König: 
Weißt du, was mir der Marschall zugetragen? 
Darf ich dir auch die volle Wahrheit sagen? 
Ist auch dein Herz ganz frei von List und Tücke? 

Kanzler: 
Reißt es, mein hoher Herr, in tausend Stücke! 
Es liegt vor Euch, ein aufgeschlagenes Buch. 
Es treffe mich des Himmels schärfster Fluch, 
Wenn ich in seiner tief geheimsten Falte 
Gedanken böser Art verborgen halte. 
Wenn ich vor Euch nur ein Geheimnis hätte, 
Nehmt mir den Degen ab, die Ehrenkette, 
Laßt mir das greise Haupt vom Kopfe schlagen. 
Wenn Ihr mich überweist, ich wilVs ertragen. 

König: 
So höre, was der Marschall mir verkündigt: 
Der Herzog hat sich schwer an mir versündigt. 
Als Werber seines Königs zog er ein, 
Um für sich selbst das schönste Weib zu frein! 



SS 



Kanzler: 
Doch schickte er den Maler erst zum Thron 
Und bat um allerhöchste Permission . . . 

König : 
Ein falsches Bild bringt mir der Maler zu, 
Das mir mißfallen muß. In aller Ruh 
Vollzieht der Werber schmählichen Verrat, 
Mein Freund der Maler unterstützt die Tat. 
Dies Bild zeigt nicht der Herzogin Gestalt. 

Kanzler: 
Ein Lügenwerk! Mich überläuft es kalt! 
Noch scheint mir unerhört des Marschalls Klage. 
Bald tritt der wahre Sachverhalt zutage, 
Ob es ein Trug ist aus dem Lügenbronnen, 
Wie sie der Marschall zahllos ausgesonnen. 
Denn war 1 es Wahrheit, müßt' ich drauf bestehen, 
Noch heut mit strengster Strafe vorzugehen. 

K önig : 
Laß mich zuerst die Wahrheit hier ergründen. 
Zu milde scheint der Tod für solche Sünden . . . 
Ermiß du jetzt mein schrecklich Mißgeschick: 
Verrat und Niedertracht gewahrt mein Blick, 
Wohin ich trete, ekler Modersumpf, 
Die Wahrheit ist verpönt, die Lüge Trumpf . . . 
Nun wollte ich mein Leben neu gestalten 
Und wo ich Liebe such\ muß ich Gerichtstag halten. 

Kanzler : 
Im Vorsaal warten sie. Laß ich sie ein? 
Du überblickst ja bald den falschen Schein . . . 
Ich bete flehend, daß er sich geirrt, 
Daß ihm ein Lügner seinen Sinn verwirrt . . . 
Was fängt ein Mann nicht aus Verzweiflung an? 
Am Ende hat's der Marschall nur getan, 
Um von den besten Freunden dich zu trennen . . . 

König : 
Vielleicht, das werden wir sofort erkennen. 



89 



Kanzler 

(ruft in den Vorsaal): 

Der Herzog und Begleitung sind gebeten, 
Zum Gruß vor seine Majestät zu treten! 

Achte Szene. 

(Der König steht ruhig und gefaßt, mit sichtbarer Neugierde den Aufzug 
erwartend. Während der folgenden Szene zeigt er vollkommene Selbst- 
beherrschung, so daß der Herzog im Zweifel sein kann, ob der König das 
falsche Spiel durchschaut hat. Der Herzog, gefaßt, beruhigt, scheint seiner 
Sache sicher zu sein. Marietta kokett, sichtlich bestrebt, sich vornehm zu 
benehmen und auf den König einen großen Eindruck zu machen. Carina 
ist wie betäubt, sie stützt sich unbewußt auf den Maler, den ihre Blicke 
immer wieder suchen. Der Maler scheint mehr Zuschauer dieses Vor- 
ganges zu sein. Erst gegen Schluß der Szene merkt man seine gesteigerte 
Erregung. — Marietta trägt das große Staatskleid wie im ersten Akt, 
Carina hält die Schleppe.) 

Marietta: 

Wie glücklich bin ich, o mein Herr und König, 
In meinem Hause Euch als Gast zu grüßen. 
Betrachtet es als Euer Eigentum 
Und mich als Eure treue Dienerin. 

Herzog: 

Und mögen diese Stunden, hier verbracht, 
Im Kreise alt erprobter, biedrer Freunde, 
Euch freundlich stets im Angedenken bleiben. 

König: 

Ich freue mich, Euch Aug in Aug zu sehn, 
Frau Herzogin. Der Ruf von Eurer Schönheit, 
Von Eurer Bildung, Euren Geistesgaben, 
Ist lange schon zu meinem Hof gedrungen. 
Ich sah nur Euer Bild. Ein schwacher Abglanz 
Des holden Zaubers, der Euch blendend eignet! 
Ich künd' es' offen: Hätf ich E u c h gesehen, 
Nicht Euer Bild, es war um mich geschehen. 

90 



M arietta 

(geschmeichelt J.- 
Aus solchem Munde solches hohe Lob! 
Welch weiblich Wesen freute sich nicht dessen? 
Und liebt' ich nicht den Herzog wahr und innig. 
Ich wünschte mir, Ihr hättet mich gesehen. 
Doch hört' ich leider auch die Rede gehen, 
Ein königliches Feuer, leicht entfacht, 
Verprasselt rasch, es brennt mir eine Nacht. 

König: 

Der Lohe Dauer liegt nur am Objekt, 
Die Flamme, welche gierig Holz beleckt, 
Verzehrt in kurzer Zeit dies Material. 
Doch härter wird durch sie der harte Stahl! 
Bei einer Schönheit von so seifner Art, 
Stets neu entfacht die Flamme sich beiuahrt. 

Marietta 
(in leichter Extasej: 

Ihr seid gefährlich, König, sehr galant . . . 
Wie leicht gerät ein schwaches Herz in Brand! 
Und wenn es glühend für den König spricht — 
Ist Lieben nicht der Untertanen Pflicht? 

König: 

Gilt Eure Liebe nur der Königskrone? 

Wiegt nicht der Mensch als solcher auf dem Throne? 

Erscheint die Pflicht an Amors Horizonte, 

So fühl ich, daß Frau Venus sich entthronte. 

Was soll mir dieses feierliche Loben? 

Ich bin doch machtlos, Liebe zu erproben. 

Sie liebt nicht dich, sie lockt der Hermelin . . . 

So zieht der böse Zweifel her und hin . . . 

Ja, wenn ich nur ein nackter Bettler war'! 

Drum reizte mich die Stelle im Homer: 

Odysseus wird ganz nackt ans Land getragen, 

Von wilden Wellen, die sein Schiff zerschlagen. 

Entblößt steht er vor der Prinzessin da, 

Vor der . . . wie heißt sie nur? 

(Tut, als ob ihm der Name entfallen icüre.) 



91 



M arieita : 

(Schweigt . . . Imitiert den König, als ob auch sie den Namen vergessen 

hätte.) 

C arina 

(flüstert leise): 
Nausikaa! 
(Der König hat das leise Wort gehört, Marietta es nicht verstanden.) 

Marietta: 
Ich merke mir die Namen nie genau — 
Den Fehler zeigt gleich mir so manche Frau. 

König: 
Doch hör? ich Euer reiches Wissen preisen, 
Ihr übersetzt auch zierlich fremde Weisen. 
Man spricht, Ihr könntet fließend auch Latein. 
Denkt nach, der Name fällt Euch sicher ein. 

C arina 

(flüstert wieder): 

Nausikaa! 

König : 

Seht, Eure Zofe hat bei Euch genascht, 

Sie hat gewiß sehr viel bei Euch erhascht 

So stellt bei diesem exquisiten Paar 

Die Zofe praktisch das Gedächtnis dar. 

Nausikaa, so hieß dies edle Wesen. 

Sie sah den Mann und fand ihn auserlesen. 

So ohne Kleider — nur durch die Gestalt 

Erlag sie gleich der Liebe Allgewalt. 

Und dies Erlebnis hat ihn mehr erhoben, 

Als seiner Untertanen willig Loben. 

Er wirkte nur durch seine Menschlichkeit — 

Wo find ich diese Liebe ohne Kleid? 

Die Untertanenliebe ist mein Weh, 

Vergeblich such ich meine Odyssee. 

Marietta: 

Was braucht die Probe ein lateinisch Buch? 
Ihr seid ein schöner Mann, macht den Versuch! 

92 



König: 
Ihr irrt, ein griechisch Buch ist der Homer. 

Herzog: 
Sie ist verwirrt Ihr fällt das Denken schwer, 
Sie spricht das erste Mal zur Majestät. 

Marietta: 
Mein armer Kopf, er scheint mir ganz verdreht. 

König: 
So lassen wir Nausikaa, Homer, 
Ein schönes Händchen interessiert mich mehr. 
Wie feine Hände Eure Zofe zeigt, 
Indes der Handschuh Eure Hand verschweigt. 

Marietta: 
Ein Bremsenstich hat häßlich sie gerötet . . . 

König: 

Ich hoff', der Missetäter ward getötet. 
(Zum Maler:) 

Der Teufelskerl ist jetzt schon so versiert, 

Daß er die Bilder künstlich komponiert 

Wenn von dem Bremsenstich das Händchen schwillt, 

Sucht er sich eine andre Hand fürs Bild. 

Ich weiß nicht, iuo er jemals schönWe fände, 

Als dieser jungen Kammerzofe Hände. 

(Zu Carina:) 
Wie nennst du dich, mein reizend Kind? 

Carina: 

(Stockt, findet keine Worte.) 

Marietta: 
So sag den Namen doch geschwind! 

Carina 

(leise): 

Marietta heiß ich ... 



93 



König : 
Und wie alt? 

C arina : 
Ich werde zweiundzwanzig bald. 

König: 
Hast du schon einen Bräutigam? 

M ariett a : 
Das arme Kind vergeht vor Scham. 
Sie ist so keusch, in sich gekehrt . . . 
Kein Mann hat sie bisher verehrt. 

König: 
Gefährlich ist im Haus solch Kammerkätzchen, 
Wie leicht findt da der Mann ein zweites Schätzchen! 

M ariett a : 
Wann blickt der Herzog je die Zofe an?! 
Der ist ein Tugendheld, ein keuscher Mann! 

König: 

Das weiß ich wohl, ich kenne den Geschmack, 

Der greift nach Höhei % m als nach Dienerpack. 

Wer solche schöne Frau sein eigen nennt, 

Der hat ein Flämmchen, das im Hause brennt. 

Ich klopfte forschend Euch nur auf den Strauch, 

Ein jeder Haushalt hat schon seinen Brauch. 

Ein Kaufmann sagte mir, in Samarkand 

Sei heute noch Gesetz im ganzen Land, 

Daß alle Bräute erst zum König kommen. 

„Jus primae noctis' 1 . . . Habt Ihr's nicht vernommen? 

Marietta 

(verlegen): 

Natürlich, ja — der Liebe Fron . . . 

König: 
Seht, das Latein versteht Ihr schon . . . 
In Samarkand gibfs auch Barbaren. 



04 



Die mit dem Gastfreund so verfahren: 

Bleibt unterm Dach er eine Nacht, % 

Wird ihm die Hausfrau zugebracht. 

Und niemals darf der Gastfreund sie verschmähen, 

Der Gatte würde das sehr ungern sehen . . . 

Marietta : 
Der schöne Brauch ist hier ganz unbekannt. 
Das ist . . . wo, sagtet Ihr —? 

König: 

In Samarkand. 
Ich dachte schon, im großen und im ganzen 
Die Sitte meinen Völkern einzupflanzen. 

Herzog: 
Herr, Ihr seid heut fröhlich aufgelegt. 

König: 

Ihr merkt schon, Herzog, was mich jetzt bewegt. 

Ich hob seit vielen Jahren keine Nacht 

Allein und ohne Buhle zugebracht. 

Ich will dein reines Heim dir nicht entweihen . . . 

Auch furcht ich deiner keuschen Gattin „NeinV' 

So habe ich mir's anders ausgedacht: 

Schick mir die Kammerzofe heut zur Nacht! 

Herzog 

(mit tiefer Verbeugung): 

Ichdarf Euch, König, keinen Wunsch 

verneinen. 
Die Zofe wird zur Nacht bei Euch 

erscheinen. 

(Carina stößt einen leisen Schrei aus und hält sich krampfhaft an den 
Maler. Marietta ist enttäuscht und zornig. Der König bleibt starr, liebens- 
würdig und verrät seine innere Bewegung nicht.) 

Ende des zweiten Aktes. 



95 



Dritter Akt. 

(Das Boudoir der Herzogin. Die rechte Türe führt ins Schlafzimmer, die 

Unke i?i den Korridor. Carina sitzt an einem kleinen Tischchen, der Herzog 

geht erregt auf und ab.) 



Erste Szene. 

Carina: 
Du fandst die äußern Tore streng bewacht? 

Herzog: 
Des Königs Garde hütet sie jetzt alle. 

Carina: 
Versprachst, mit mir zu fliehn, eh es noch Nacht . . . 

Herzog: 
Vorbei! Wir sitzen in der Mausefalle. 
Die Brücke senkt sich heute Nacht nicht mehr. 

Carina: 
Der Grabengang? 

Herzog: 
Da komm 1 ich eben her. 
Die Tür verrammelt, große Schlösser dran. 

Carina: 
Die Schlüssel hat gewiß der Kastellan. 

Herzog: 
Der Kastellan, der Schuft, hat sie verloren. 
Er scheint dem Marschall gegen uns verschworen. 

Carina: 
So siehst du keinen Ausweg, keine Rettung? 

96 



Herzog: 
Unglück und Schuld in grimmiger Verkettung! 

C arina : 
Dein Rat? Was ist zu tun? Die Stunde drängt! 

Herzog: 

Wer mit dem Feuer spielt, wird leicht versengt! 
Nie fand ich mich in solcher schweren Klemme. 

C arina : 
Ein Mann muß handeln, wimmern darf die Memme. 

Herzog: 

Nennst du das Memme, wenn mir bang 
Um meine Ehre, meinen Rang? 
Ich zittre niemals vor dem Tod, 
Nur vor der Schande bleicher Not. 

C arina : 

Auch heute spricht aus dir der Egoist. 

Du fürchtest immer nur, was dir beschieden. 

Herzog: 

D u warst es, die ersann die schlaue List . . . 
häW ich dieses Lügenspiel gemieden! 

C arina : 

Die alte Leier! Deine Frau ist schuld, 
Sie brachte dich um deines Königs Huld. 

Herzog: 
Ist es nicht so? Hab ich um dich geworben? 

C arina : 
So habe ich ein reines Lamm verdorben! 

Stekel, Das goldene Seil. 7 



97 



Herzog: 

Ich wich nicht einen Schritt vom rechten Wege. 
Vor dir kannf ich die falsche Lüge nicht. 

C arina : 

Du bist geängstigt! Herzog, überlege, 
Was dein verlegenes Stammeln spricht. 
Versteh ich recht, so scheint es mir zu sagen: 
D u hast gefehlt, D u mußt die Folgen tragen! 

Herzog: 
Du sprichst es offen aus, was ich mir denke. 

C arina : 

Du willst, daß ich mich heut dem König schenke! 
Das ist dein Rat?! Du hast die freche Stirne 
Und machst dein Weib aus feiger Angst zur Dirne! 

Herzog: 

Du hast die Worte auch nicht zart gewählt: 
Dem König wärst du rechtens längst vermählt . . 
Auch ist die Gunst des Königs hoch zu werten, 
Sie ist kein Sündenfall, nur Bürgerpflicht. 

C arina : 

Wenn andre Frau'n durch diese Gunst sich ehrten, 

Ich kenne solche Winkelzüge nicht. 

Schnell wird der „Ritter" in der Not Sophist! 

Wie gi*olltest du vor einer kurzen Frist, 

Weil du den Maler meiner Gunst verdächtigt. 

Doch wenn dein Weib beim König übernächtigt. 

So sagt dein allerletztes Ehrenbuch: 

Die Staatsaktion ist doch kein Ehebruch! 

Du stellst den König über die Gesetze. 

Mich dauert dies erbärmliche Geschwätze. 

Es zeigt mir wieder einmal deutlich an: 

Du bist ein schwaches Weib! Du bist kein Mann! 



9S 



Herzog: 
Nur zu! Nur zu! Es wird ja immer besser! 
Die bösen Worte treffen mich wie Messer, 
Die giftig sind. Ich weiß mir keinen Rat! 

C arina : 

Hier hilft nur eine große, tapfre Tat! 

Wirf dich dem König vor die Knie! Gestehe! 

ErzähV ihm die Historie deiner Ehe! 

Herzog: 
Ich selbst gestehn? Mich seinem Zorne geben? 
In Schimpf und Schande endet dann mein Leben, 
Vielleicht geht er uns doch in unsre Falle. 
Wenn er nichts merkt, gerettet sind wir alle. 

C arina : 
Ward es dir gestern nicht ganz sonnenklar, 
Wie überlegen uns der König war? 
Er hat gewiß das ganze Spiel durchschaut, 
Verlangt bewußt, die du ihm nahmst, die Braut. 

Herzog: 
Hier giWs ein Spiel auf Leben oder Tod. 

C arina : 
Mir ist das gleich. Ich trotze dem Gebot. 
Zum König geh ich nicht! Verstehst du mich? 

Herzog: 
Dann wird er mit Gewalt dich holen lassen. 

C arina : 

Mich sollen derbe Schergenfäuste fassen?! 
Nein! Seh ich jede Hoffnung mir entschwinden, 
So soll der König einen Leichnam finden! 

Herzog: 
Du änderst deinen Sinn! Du machst nicht Ernst! 



99 



C arina : 

daß du nie mein wahres Wesen lernst! 

Ich gehe nicht! Ich bleibe fest dabei. 

Der Tod macht mich — wie alle Sklaven — frei. 

Herzog: 
Die gleiche Drohung hast du schon gesprochen. 

C arina : 

Hab 7 ich vielleicht mein stolzes Wort gebrochen? 
Ist heut vielleicht der König mein Gemahl? 
So hör 9 es noch einmal, zum letzten Mal: 
Ich gehe nicht zu seiner Majestät. 
Such einen andern Weg, eh es zu spät! 

Herzog: 

(Scheint einen festen Entschluß gefaßt zu haben.) 

Dann will ich selber vor den König treten . . . 

(Man merkt, wie er mit sich ringt.) 
Mein Gott! Ich hab um Gnade nie gebeten, 
Ich kann's auch diesmal nicht! Ich kann es nicht! 
Ich seh vor mir sein strenges Angesicht, 
Die wilde Wut, hör' der Empörung Schrei! 
Und schuldig, schuldig fühV ich mich dabei. 

(Bricht zusammen.) 
Ein Lügner ich — der Stolz der Ritterschaft, 
Das zu gestehn, dazu fehlt mir die Kraft. 

C arina : 

So schwächlich hab ich dich noch nie gesehn, 
Du läßt das Fürchterlichste feig geschehn. 
Du kannst es nicht! Du bist ein armer Kranker 
Und meine Ehre ist dein Rettungsanker! 
(Sie läutet mit einer Handglocke, worauf Marietta sofort erscheint.) 

Marietta: 
Ich warte vor der Türe schon gespannt . . . 



100 



C arina : 

Was du zu tun hast, sei dir gleich bekannt. 
Steh meinem Gatten bei in seinem Leiden, 
Er fiebert wohl, er braucht jetzt gute Pflege. — 
Ich gehe heute meine eignen Wege . . . 

(Sie wendet sich, schon in der Türe, zum Herzog.) 
Ein Mann, der nur in Schlachten Ruhm erwirbt, 
Soll sehen, wie ein Weib für Ehre stirbt. 

Allein den Maler möchte ich noch sehen 

Dann kann das Schattenspiel zu Ende gehen . . . 

(Ab.) 



Zweite Szene. 

Herzog: 
Hast du's gehört? Den Maler will sie sehn. 
Gefahren wirken wie ein starker Wein; 
Die Hüllen fallen, das Verborgene 
Tritt ungehemmt und ohne Scheu hervor. 
Doch der Gedanke, daß mein Weib Carina 
Den Maler liebt, läßt mich jetzt kalt und ruhig. 

Marietta: 

Wir wollen nur behalten, was wir lieben. 
Ihr liebt sie nicht; sie ist nicht Euer Weib. 

Herzog: 
Ist es die Angst, die unharmherzig wieder 
Mein Hirn betäubt und wehrlos mich entmannt? 
Ich fühle mich ein Kind, ein kleiner Knabe 
Und nach der Mutter Händen sehn' ich mich. 

Marietta 

(streichelt ihm sanft den Kopf): 

Ein großer, starker Mann und jetzt mein Kind . . . 
Die Angst verwirrt und trübt den klaren Sinn. 
Noch wißt Ihr nicht, was schon der König weiß, 
Ob er die schönen Hände meiner Zofe 



101 



Als die der angetrauten Frau erkannt. 

Bis morgen ist der böse Spuk vorbei. 

Er schickt sie weg — und Ihr seid wieder frei. 

Herzog: 

Wie wohl das tut! Wie deine lieben Hände 

Mir Ruhe bringen! Wie dein mildes Wort 

Das zitternde Gefühl der Angst besänftigt! 

Ich stürbe gern in offner Schlacht, ein Ritter . . . 

Doch nein, ich will, ich kann nicht sterben. 

Wie leicht löst von der Tafel sich der satte Zecher! 

Das Leben steht vor mir und lockt, ein voller Becher. 

M arietta : 
Für sie wollt Ihr nicht sterben! Denn man stirbt 
Nur für die Frau, für die man auch gelebt! 

Herzog: 

Wie wahr du sprichst! Ich hab sie nie geliebt! 

Der tolle Einfall eines Augenblicks, 

Die Sehnsucht nach dem Ewig-Unerreichten, 

Erhitzte Eitelkeit und eitle Hitze! 

Das soll ich jetzt mit meinem Kopfe zahlen? 

Was tun, Marietta? Weißt du einen Weg? 

Soll ich dem König den Verrat gestehen? 

Zerknirscht und reuig ihn um Gnade flehen? 

Marietta: 

(Mit schlauer Berechnung, um ihn eifersüchtig zu machen.) 

Dazu habt Ihr noch immer reichlich Zeit. 
Der König küßt nur in der Dunkelheit, 
Er merkt dann nicht die Röte meiner Hände . . . 
Wie wär's, wenn ich den Weg zum König fände? 

Herzog: 
Mir widerstrebt ein neues Gaukelspiel. 
Auch du zum König! Nein, das war' zuviel! 

Marietta: 
Vielleicht ist diese meine letzte Nacht. 
Wie schön, wenn ihr der Stern der Venus lacht! 



102 



Herzog: 
Auch mich erfaßt ein wilder Lebensdrang. 
Der Becher lockt Ich werd' ihn leeren müssen! 
In meinen Ohren tönt Sirenensang, 
Ein letztes Lieben und ein letztes Küssen! 
Aus Traumestiefen bin ich aufgewacht. 
Willst du mein Weib sein — diese eine Nacht? 

Marietta: 
Ich muß es ja, denn nimmst du es genau, 
So bin ich deine offizielle Frau. 
Du großes, starkes, dummes, liebes Kind! 

Herzog: 
Wie süß doch diese Kinderworte sind! 
Und doch bin ich kein Kind! Ich bin ein Mann! 
Gesprengt ist dieser fürchterliche Bann, 
Ich fühV ein Feuer, das mich heiß durchglüht, 
Ein Sehnen, unerfüllt und unvermutet, 
Es packt und reißt und überwältigt mich: 
Marietta, meine Frau, ich liebe dich! 

Marietta: 
Wie hab ich stets nach diesem Wort verlangt! 
Was sie mir bringt — die Stunde sei bedankt. 

Herzog: 
Kommst du zu mir? Ich warte dein! 

Marietta: 
Gewiß, ich will die deine sein! 

Herzog: 
Es will der wilde Strom zum Meere fließen. 
Bevor ich sterbe, muß ich dich genießen. 

(Er will sie küssen. Es klopft) 
Verdammte Störung! (Zu Marietta.) Später warf ich dein 
Auf meinem Zimmer. — (Es klopft wieder.) 

Und du kommst? 
(Marietta nickt.) Herein! 

103 



Dritte Szene. 

(Marietta geht zum Fenster, der Herzog macht, als ob er weggehen wollte. 

Der Maler tritt ein.) 

Maler: 
Du gehst? Wohin? Und was hast du beschlossen? 

Herzog: 
Beschlossen? Nichts! Ich laß die Dinge gehn. 

Maler: 
Du läßt — Was soll das — ? Das ist nicht dein Ernst! 

Herzog: 
Was soll ich tun? Weißt du ein andres Mittel? 
Man schickt sich drein und faßt sich in Geduld. 

Maler: 
Jetzt sprichst du von Geduld und die Minuten 
Sind kostbar, eine jede unersetzlich. 
Der Abend sinkt, das schreckliche Geschehen 
Erreicht schon bald die ihm bestimmte Zeit! 

Herzog: 
Wenn du den Ausweg weißt, so zeig' ihn mir! 

Maler: 
Der findet immer Wege, der sie sucht. 
Du hast Carina wahrhaft nie geliebt, 
So kann ich auch kein Opfer von dir fordern. 
Geh! Lege dich zur Ruh und laß mich handeln . . . 

Herzog: 
Ich weiß es längst, daß du Carina liebst! 
So wirst du auch den Weg der Rettung finden. 
Ich weiß, daß Liebe alles — alles kann. 
Du fühlst, wie wenig mir die Gattin war. 
Für sie zu sterben hob ich nicht die Kraft, 
Die mir, mit ihr zu leben, schon gefehlt. 

104 



Doch brauchst du einen Mann für deinen Plan, 
So zahV auf mich. Es zitterte mein Herz, 
Allein mein Arm ist stark, wenn du ihn brauchst. 
Nur eine Stunde laß mir Zeit — 
Dann bin zu allem ich bereit! 
(Wirft einen Blick der Verständigung auf Marietta und geht.) 

Maler: 
Wo ist die Herzogin? 

Marietta: 
Auf ihrem Zimmer. 
Sie wartet Euer, will Euch sprechen. 
(Sie klopft an die Türe.) 
Ich bin es — Marietta! 

C arina : 
Ich brauch dich nicht. 

Marietta: 
Frau Herzogin! Der Maler läßt sich melden! 

C arina : 

Ich komme gleich! 

(Man hört einen Riegel zurückgehen.) 
Ich grüße Euch, 
Mein lieber Freund! Ihr seht, ich war verschlossen 
In meinem Zimmer, wie in einer Feste. 

(Zu Marietta:) 
Du kannst schon gehn und bist für heute frei. 
(Marietta entfernt sich mit einer stummen Verbeugung.) 

C arina : 

Ich wollte sterben. Und mein letzter Wunsch, 
War dich, Geliebter, vorher noch zu sehen. 

Maler: 

Geliebte, teure Frau! Seh ich dich wieder! 

(Umarmt sie.) 
Ich halte dich und ich umarme dich, 
Ich fühV dich, Liebste, und es ist kein Traum! 



105 



C arina : 
Nun ich in deinen starken Armen ruhe, 
Ist alle Angst und Bangigkeit vorbei. 

(Sie küssen einander.) 
Ist das ein Kuß? Ich ahnte nicht, Geliebter, 
Daß es im Leben solche Wonnen gibt . . . 

Maler: 
Ich habe heut das erste Mal geküßt — 
Noch nie so rein, so keusch, mit ganzer Seele — 
Mein ganzes Sehnen strömt in diesem Kuß. 

C arina : 

Ich fühle jetzt zum ersten Mal das Leben 

Und ahne schauernd, was es geben kann. 

Du mußt mich retten! Wie mir furchtbar bangt . . 

Ich kann nicht zu dem fremden Manne gehn! 

Maler: 
Du s ollst es nicht! Du dar f st es nicht, Carina! 
Und wenn es keine andre Rettung gibt, 
Soll uns der Tod von jeder Last befrei'n. 

Carina: 
Ich bin doch nur ein hilflos schwaches Weib! 
Willst du mir in der schwersten Stunde helfen? 
Willst du mich töten, wenn ich es verlange? 

Maler: 
Vereint mit dir will von dannen gehn. 
Es gibt kein Leben, wenn du nicht mehr lebst . . . 
Die Sonne sinkt in unheilschwang We Nacht. 
Im Kusse tötend, will ich mit dir sterben, 
Der Liebe Fest mit roten Rosen färben. 

Carina: 
Ich danke dir! Nun bin ich wieder sicher. 



106 



Maler: 

Das Liebste soll ich opfern? Dich vernichten? 
Ein andrer Ausweg fällt mir plötzlich ein. 
In deinen Kleidern, tief und dicht verschleiert, 
Geh ich zum König und ihn trifft mein Stahl. 

C arina : 
Und ich verliere dich und schwere Rache 
Zerstört dein Leben, kostbar, unersetzlich. 
Ich sehe ein, daß du nicht sterben darfst. 
Ein Künstler, der da schafft und Schönheit sät, 
Und wie ein Gott die ganze Welt begnadet. 
Wenn ich heut sterbe, was verliert die Welt? 
Die Spur, wie sie mein Leben hinterläßt, 
Gleicht nur der feinen Furche, die der Kiel 
Des schwanken Nachens auf dem Wasser zeichnet. 
Ein flüchtiger Augenblick — und sie verlöscht 
Im regen Spiel der leichtbewegten Wellen. 

Maler: 
Du zählst viel mehr als ich und alle Kunst! 

C arina : 
Du übertreibst, wie stets ein liebend Herz. 
Ich bin nicht mehr, als alle andern Frauen, 
Nur, daß ich dir es bin, macht mich beglückt. 

Maler: 
Gott! und dieses Kunstwerk der Natur, 
Ich soll es selbst mit frevler Hand zerstören? 
Ich soll vernichten, was mein alles ist? 

C arina : 
Wir sind doch Kinder. Gib mir deine Hand, 
Die liebe Hand, die so viel sagen kann. 
Wir wollen jeder, daß der andre lebt, 
Bereit zu allerletztem, schwerstem Opfer. 
So will ich tun, was diesen Knoten löst, 
Was mir das Schwerste ist: ich geh zum König. 



107 



Wenn dieser Schritt der Gang zum Henker ist, 
Wenn dann mein Ich der finstem Nacht verfällt, 
Was liegt daran, wenn du erhalten bleibst! 
Für dich, mein Freund, will ich das Opfer bringen. 

Maler: 
Du töricht Kind! Such 1 ich das nackte Leben 
Wie dein Gemahl? Und wird der König morgen 
Mich milder richten, weil du sein gewesen? 
Wie könnt 1 ich leben, wenn mich der Gedanke 
An die Umarmung grausam foltern würde?! 
Carina, du, das stolze, keusche Weib, 
So unnahbar und rein, selbst wo du liebst, 
Besudelt und entweiht von fremdem Kuß?! 
Könnf ich ein solches Opfer je vergessen? 

Carina: 
Was ist die Liebe, die nicht alles opfert? 

Maler: 
Ich könnte die Gewißheit nie ertragen, 
Daß du die Buhle eines andern warst. 
Ich würde sterben, ehe du noch gingst. 

Carina: 
Wie stürmisch doch die besten Männer sind! 
War ich des Herzogs Gattin nicht? Und du? , 
Du hast's ertragen! 

Maler: 

Was ich tragen mußte. 
Wenn wir auch freie Menschen gern uns nennen, 
So beugt uns alle doch Gesetz und Sitte. 
Du warst das angetraute Weib des Herzogs. 
Mit welchem Rechte konnte ich da zürnen? 
Und sonderbar! Nie kam mir der Gedanke, 
Daß du in seinen Armen liebend ruhst . . . 
Als ich dich sah das erste Mal, Carina, 
Mir sagte ein Gefühl bestimmt, untrüglich, 
Daß du mich liebst, daß du mich lieben mußt! 



108 



C arina : 

Da sieh nur her! Dies sagte dein Gefühl. 

Mich hast du mehr erschreckt als eingenommen. 

Ich sah in dir den eitlen Frauenjäger 

Und mein Verstand entschied erst gegen dich. 

So wiegte ich mein Herz in Sicherheit 

Und ließ nie mehr als reine Freundschaft gelten. 

Doch heute weiß ich, daß mein erster Blick 

Dich prüfend schon als meinen Mann erkannte, 

Schon lange, eh ich dich den Liebsten nannte . . . 

Wie sicher unser Innres doch entscheidet, 

Nicht Wehren und nicht Widerspruch erleidet! 

Du bist nicht eitel und du bist nicht schlecht! 

Das Herz — und nicht der Kopf — hat immer recht. 

Du bist ein Mann, noch mehr, du bist mein Mann, 

Mit dem vereint ich alles leiden kann. 

Und glücklich bin ich — laß es dir gestehen — 

An deiner Hand den letzten Weg zu gehen . . . 

Maler: 
Willst du die letzte Bitte mir erfüllen? 

C arina : 
Was du begehrst, du mußt es mir enthüllen. 

Maler: 

Kennst du die Sage von den armen Willys? 

Jungfrauen sind es, die als Bräute starben, 

EK die Erfüllung ihnen Segen brachte. 

Ganz unberührt, schließt kalt der Sarg sie ein . . . 

Die Sehnsucht sprengt die Gruft und ruhelos 

Durchrasen sie in finstrer Nacht die Wälder, 

Den Jüngling, den sie finden, wild zu Tode küssend. 

So rast der heiße, unerfüllte Wunsch, 

Es gibt kein Grab, das ihn gefangen hielte. 

Ich scheide gern mit dir aus dieser Welt, 

Allein mein Leichnam wird dies Leben nie vergessen, 

Wenn vor dem Tode ich dich nicht besessen. 

Und wenn ich schon die Liebste töten muß, 

Erst ganz vereint im letzten Liebeskuß. 



109 



C arina : 
Was könnt' ich weigern, Liebster? Alles dein! 
Wie glüht mein Leib, wie brennen meine Sinne! 
Wie bin ich ganz verwandelt durch die Minne! 
Wie hob ich jeden andern Mann verachtet, 
Wenn er nach mir, nach meinem Leib geschmachtet. 
Wie bin ich glücklich, daß du mich begehrst, 
Mich sterbend noch den Sinn des Lebens lehrst. 
Welch Glück, dir, was du willst, zu schenken, 
Dich vor dem Tode selig noch zu denken, 
Selig durch meiner Liebe Allgewalt . . . 

(Es klopft leise an der Türe.) 
Sie holen mich! Es überläuft mich kalt! 

Maler 

(schiebt den Riegel vor): 

Ich schütze dich! Wer ist es, der hier pocht? 

C arina : 

Laß keinen Fremden ein, errette mich! 

(Es pocht wieder, leise, aber dringend, mehrere Male.) 

Maler: 

Sei ruhig, Kind! Geh' auf dein Zimmer! 
(Zieht den Degen.) 

C arina : 
Ich gehe nicht allein! Jetzt komm' mit mir! 
Erbarme dich und mache schnell ein Ende! 
(Es klopft wieder.) 

Maler: 

Verliere nicht die Fassung! Laß uns sehen! 
Das Klopfen scheint mir leise, tastend, zaghaft, 
Nicht wie das Drängen eines strengen Auftrags. 

Kanzler 
(hinter der Türe, leise): 
So macht doch auf! Ich bin es, Euer Freund! 



HO 



Maler: 
Vernehm' ich recht? Das ist des Kanzlers Stimme. 

Carina: 
Er kommt mich holen! Liebster, öffne nicht! 

Kanzler : 
Ich bin's, der Kanzler, öffnet rasch die Türe, 
Ich habe gute Botschaft für Carina. 

C arina : 
Er kommt mich holen, Liebster, töte mich! 

Maler 
(nach außen): 

Was wollt Ihr denn? Es ist noch Abend. Laßt 
Die Herzogin doch noch der Ruhe pflegen! 
Sie wird sich früh genug zum König legen . . . 
Schämt Euch, Ihr Kanzler, doch in Eure Seele, 
Daß Ihr noch Kuppler seid in Königs Diensten. 

Kanzler : 

Sprecht nicht so laut. Ich komme, sie zu retten. 
Laßt mich doch jetzt um Himmels willen ein, 
Eh' man mich sieht. Denn ich bin nicht allein. 

Maler: 

So laß uns sehn, was er von dir begehrt . . . 
Carina, fürchte nichts, dich schützt mein Schwert! 
(Er zieht den Riegel zurück und öffnet die Türe. — Der Kanzler und die 
Königin Celesta, welche tief verschleiert ist, treten ein.) 

Vierte Szene. 

Kanzler: 
Es war nicht klug von Euch und unvorsichtig, 
Mich gar so lang vor dieser Tür zu halten. 
Das Schloß hat viele gutbezahlte Augen. 
Wenn uns der Kastellan gesehen hätte . . . 

111 



(Zur Herzogin:) 
Verzeiht, o hohe Frau, daß ich so spät 
Unangemeldet hier erscheinen muß. 
Der König hat mich lange aufgehalten. 
Er ist erregt und zornig, brütet Unheil. 

Maler: 
So weiß er alles?! Alles ihm bekannt?! 

Kanzler : 
Er hat die Wahrheit aus des Marschalls Hand. 
Mit Mühe konnte ich ihn nur bewegen, 
Der Strafe Werk auf morgen zu verlegen. 
Wir aber müssen diesen Streich parieren . . . 

C arina : 
Deshalb wollt Ihr mich zu dem König führen? 
Durch meine Gunst pariert Ihr dann den Streich?! 
Ich gehe nicht! Ich sag's Euch, Kanzler, gleich: 
Von dem Entschluß kann keine Macht mich wenden. 
Die Tote könnt Ihr zu dem König senden! 

Kanzler: 
Vortrefflich, wahrlich ganz vortrefflich! So — 
So habe ich es auch von Euch erwartet. 
Sonst war es nicht so leicht, die lieben Frauen 
Dahin zu bringen, nicht zu gehen. — 

C arina: 
So seid Ihr, Kanzler, nicht erzürnt, daß ich 
Dem Wunsch des Königs trotzig widerstehe? 

Kanzler: 
Ich sagte schon, ich freue mich darob . . . 

C arina: 
So schickt die schwarze Kammerzofe weg, 
Die mich zum König führen soll. (Zur Gestalt:) Geh fort! 



112 



Kanzler: 
Dies unglücksei' ge Weib ist keine Zofe . . . 

Maler: 
Wie sonderbar — ich kenne die Gestalt . . . 

K ö n i g i n: 
Ihr habt einmal — einmal mein Bild gemalt. 
Was sucht Ihr hier, im fremden Schlaf gemach? 
(Lüftet den Schleier.) 

Maler: 
Himmel, seh ich recht?! Die Königin! 

C arina: 
Die Königin! Celesta, unsre Königin! 

Königi n: 

Noch wißt Ihr nicht, was mich hiehergebracht. 
Der Kanzler wird Euch gerne rasch belehren. 

Kanzler: 

Es führt zu weit. Wie soll ich das erklären? 
Soll ich das ganze Unglück dieser Frau . . . 

Male r: 
Verschonet sie. Wir kennen es genau. 

Kanzler: 
Was Ihr nicht wissen könnt, erfahrt Ihr jetzt: 
Der König hat die Treue nie verletzt! 
Celesta folgt dem König heimlich nach 
Und statt der andern geht sie ins Gemach. 
Der König scheut das Licht und nur bei Nacht 
Wird ihm von mir die Buhle zugebracht. 
Dies schändlich Amt führ' ich seit einem Jahre, 
Weil ich den Herrn vor Sünde so bewahre. 
Ich kenn' sein Herz. Es ist im Grunde gut. 
Das weiß die Königin. Ihr Opfermut 
Und ihre Liebe kennen keine Grenzen. 

Stehe?, Das goldene Seil. 8 

HB 



Koni gi n: 
Des Freundes Worte muß ich noch ergänzen. 
Ich bin gewiß, es fehlte nicht an Leuten, 
Erführen sie's, so könnten sie's mißdeuten: 
Es wäre Sinnenlust und Liebesdrang, 
Was mich zu diesem bösen Schritte zwang; 
Es wäre seiner Gluten treu Gedenken, 
Das heiß mich treibt, mich immer neu zu schenken 
Nein, nichts von alledem. Ins Mark getroffen, 
Entthront, verhöhnt, Sprech' ich zu Euch ganz offen! 
Ich haW in allen diesen Liebesstunden 
In seinem Arm von Liebe nichts empfunden. 
Ich hielt mir rein mein Lager bis zur Zeit, 
Da Unschuld siegt und die Gerechtigkeit. 
Ich wollte fiei dem König nichts empfinden; 
Ich ließ ihn nicht an eine andre binden. 
Auch strafen wolW ich ihn, blieb immer kühl, 
Und eisern unterdrückt ich das Gefühl. 
Der König aber sollte immer dürsten, 
Wie eine Wunde meine Liebe tragen. 
Das Sehnen solW den ungetreuen Fürsten 
Durch die Gefilde der Erinnerung jagen, 
Daß eine Stimme im Gesang der Hören 
Ihn immer mahnt an das, was er verloren . . . 
Der Kanzler, dieser treue, brave Freund, 
Hat sich in gleichem Sinn mit mir vereint. 
Er hält ihm rein das königliche Haus 
Und liefert sich des Fürsten Rache aus. 

Kanzler : 
Ach, meine Uhr tickt ihre letzten Schläge. 
Der stärkste Wunsch, Celesta, den ich hege, 
Ist, Euch das Eheglück zurückzugeben. 
Ist das erreicht — was liegt an meinem Leben? 

Königin 

(zu Carina): 

Zum König geh ich bald in Eurem Kleid, 
Ihr aber schwört mir einen heiVgen Eid, 
Daß dieser Vorgang ein Geheimnis bleibt. 



114 



C arina: 
Wozu der Eid? Was Euch zum Gatten treibt, 
Das hält mich wieder von dem König fern. 
Verschwiegen bleib' ich sicher, wie das Grab. 
Und Euer Vorteil, ist er nicht der meine? 
Ihr rettet mir das Leben und die Reine. 

Koni gi n: 
Euch kann ich wahrlich ohne Eid vertrauen. 
Nicht immer fühlt 1 ich dies bei andern Frauen . . . 

Kanzler : 
Welch bunte Mären könnt' ich da berichten! 
So manche Dame wollte nicht verzichten . . . 

C arina: 
Entartetes Geschlecht! schwere Pein, 
Man schämt sich manchesmal, ein Weib zu sein! 
Wenn heute mir bei diesem Wechsel bangt — 
Was tun, wenn er mich morgen neu verlangt? 

Koni g i n: 
In dieser Hinsicht könnt Ihr auf mich zählen, 
Ich will den König durch die Kälte quälen, 
Daß, wie Prometheus, sehnend er verschmachtet, 
Und glaubt es mir, ein zweites Mal 
Verlangt ihn nicht nach dieser Qual! ! 
Was aber dann der neue Morgen bringt, 
Wenn sein enttäuschtes Herz auf Rache dringt, 
Was aus dem Maler wird? Aus dem Gemahl? 
Was morgen folgt? Ob Kerker, Galgen, Stahl? 
Wer ist es, der ihn zur Besinnung riefe? 
Mich stürzte in die unermess'ne Tiefe 
Des Elends, der Verzweiflung eine Stunde. 
Vergeblich frag' ich mich nach einem Grunde! 

Male r: 
Ihr kennt die Ursach' seiner Handlung nicht? 
Der König hat sie heut mir anvertraut. 

8* 



115 



Königin: 
Endlich ein Mensch, der von der UrsacK spricht! 
Ich scheue nichts! Verkündet sie hier laut! 
Nur spannt nicht auf die Folter meine Seele. 
Erlöse mich! Erzähle rasch, erzähle! 

Maler: 
Der König ward zu mir sehr mild und gütig, 
Er schenkte mir in reichem Maß Vertrauen, 
Er sprach zu mir als Kenner aller Frauen. 

Koni gi n: 
Ihr haltet Euch zurück, so sprecht geschwinder! 
Weil ich unfruchtbar bin? Ein Weib ohrt Kinder? 

Male r: 
Davon sprach er kein Wort. Er sprach, wie unermessen 
Er Euch geliebt. Noch seid Ihr unvergessen. 

Koni gi n: 
Dem Himmel Dank für diese guten Worte. 
Sie öffnen mir der Zukunft goldne Pforte. 

Maler: 
Ihr aber kränktet seine Eigenliebe. 
Kein Mittel blieb, als daß er Euch vertriebe. 
Sonst hätV er rasend sich an Euch gerächt. 
Er nennt Euch treulos, heuchlerisch und schlecht. 

K önig i n: 
So dunkel hat zum Kanzler er gesprochen. 
Doch der Beweis?! Was hab ich denn verbrochen? 

Maler: 
Als Ihr zu Eurer kranken Mutter eiltet, 
Zum ersten Male nicht sein Lager teiltet, 
Gabt Ihr dem König auch ein Amulett, 
Sonst trugt Ihr es, bei Tag und auch im Bett. 



116 



Koni gi n: 
Und dieses Amulett? 

Maler: 

War bald ihm offen 
Und seine Inschrift hat ihn schwer betroffen! 

Koni gi n: 
Die Inschrift? Ihn betroffen? Das der Grund? 

Maler: 
Ich hob es aus des Königs eigenem Mund. 
Mit kleinen Lettern säuberlich geschrieben, 
Ein Herz, ein Pfeil, die Überschrift: „Mein Lieben". 
Darunter dann ein kleines Sinngedicht, 
Das freilich nicht zu Euren Gunsten spricht: 
„Lieb' ich den König? Ich lieb ihn sehr. 
Den Ritter lieb 7 ich noch viel mehr. 
Der nicht regiert den Erdensohn, 
Mehr als den König und die Krön'! 
Geheimnis ihm, nur mir bewußt, 
Trag* ich's beseligt auf der Brust." 

Koni gi n: 
Das Sinngedicht!!! Ihr deklamiert es falsch! 
Lieb' ich den König?, nein, so heißt es nicht! 
Lieb' ich den König? fragt das Sinngedicht. 
An meiner Liebe hab' ich nie gezweifelt, 
Nur ob der König meinem Herzen näher 
Als König, Ritter, oder nur als Mensch. 

Maler: 
Der König hat es anders ausgelegt: 
Daß Ihr des Herzogs Bild im Herzen hegt, 
Weil er beim Hof als „Ritter" war vermerkt. 
Der Marschall hat den falschen Sinn verstärkt, 
Auch in der Beichte tätet Ihr's bekennen. 
Nur so gelang es, Herz von Herz zu trennen. 



117 



K önig i n: 
Verruchter Plan! Wankelmut der Männer! 
Warum sprach er nicht offen zu dem Weibe? 
Ein einzig Wort, er wäre wieder mein! 

Maler: 
Warum verbargt Ihr dieses Sinngedicht 
So heimlich vor des Königs Augenlicht? 
Warum war es dem Fürsten nicht bekannt, 
Was sinnig dort von Eurer Liebe stand? 

Koni gi n: 
Es stammt dies Medaillon, das stets ich trug, 
Von einem Kaufmann, weitgereist und klug. 
Er brachte es aus einem fernen Land, 
Ich glaube gar, es war aus Samarkand. 
Ich hatte damals tief in mir den Glauben, 
Mir könnt' ein Tag des Königs Liebe rauben. 
Der Kaufmann merkte meine Leidenschaft 
Und pries des Amulettes Wunderkraft: 
Wollt ich den Liebsten ewig mir zu eigen, 
So dürft' ich nie die ganze Liebe zeigen. 
Ein Rest der Neigung sollt' Geheimnis bleiben; 
Dies müßt' ich in dies Amulettchen schreiben. 
Und ewig in den Nächten und den Tagen 
Den Zauber auf dem nackten Leibe tragen. 
Doch trennt' ich mich von meinem süßen Leben, 
So müßt ich es dem Liebsten übergeben. 
Der Treue könnt' ich dann versichert sein! 
Er war ein Gaukler — alles nur ein Schein . . . 

Maler: 
Nicht unbedingt! Denn, Königin, bedenkt, 
Daß Euer Liebster immer an Euch hängt, 
Daß er Euch liebt. Trotz Rasen und Verdammen, 
Brennt er für Euch in heißen Lieb es flammen. 

Koni g i n: 
Dem Himmel Dank für diese frohe Kunde! 
Laßt mich zu ihm, o laßt mich gleich zu ihm! 



118 



Kanzler: 
Wie töricht doch die erste Freude ist! 
Habt Ihr des Königs Auftrag schon vergessen? 
Bei Todesstrafe ist es streng verboten, 
Euch vorzulassen, selbst von Euch zu reden! 
Wir müssen überlegen, wie man weise 
Mit aller Vorsicht seinen Sinn gewinnt 

Königin: 
Könnt' nicht der Maler ihm die Wahrheit bringen? 

Maler: 
Da er mir zürnt, wird es mir kaum gelingen. 
Er hört mich nicht in seiner Raserei, 
Da gibt es nur Tumult und viel Geschrei. 
Ihr seid beim König bald — in einer Stunde, 
Der Liebe Göttin sei mit Euch im Bunde! 
Seid ganz die lieb entflammte Königin, 
Gebt unbeschränkt Euch Eurer Liebe hin! 
Werft um sein Haupt ein süß bestrickend Netz, 
Was Euer Herz verlangt, sei heut Gesetz! 
Und fangt ihn, diesen ungetreuen Mann, 
Daß er Euch nimmermehr entkommen kann. 
Die gleichen Hände habt Ihr wie die Herzogin . . . 
So zart sie sind, sie halten ewig ihn. 
Doch bleibet stumm und laßt ihm nur den Glauben, 
Er täte diese Gunst dem Herzog rauben . . . 

K önig i n: 
Ich weiß genug! Ich habe meinen Plan! 
Für mich fängt heuf ein neues Leben an! 
(Es klopft.) 

Fünfte Szene, 

Marschall: 
Die Türe öffnet! Herzogin, ich bin's! 
Der Marschall, Euer Freund! Ich muß Euch sprechen! 



119 



Kanzle r: 
Der Marschall hier! Um Gott, wir sind verloren! 
Sprecht leise nur! Der Kerl hat feine Ohren! 

Königi n: 
Was tun? 

C arina: 
Was will er nur? 

Maler: 
Ich bring den Intriganten um! 

Kanzler: 
Um Gottes willen seid doch stumm! 

Marschall: 
Hört Ihr mein Klopfen nicht, Frau Herzogin? 

Herzogin: 
Ich macti Euch auf, sowie ich fertig bin. 
Ich litt an Kopfweh, komme aus dem Bette, 
Ich mache eben letzte Toilette. 

Kanzler 

(leise): 

Der Marschall sieht Euch schon als Königinne, 
Er kommt, daß er sich Eure Gunst gewinne. 
Wiegt ihn in Sicherheit, seid auf der Hut! 
Sagt ihm zu allem ja! Und kaltes Blut! 

C arina: 
Ich bin nicht, wie Ihr glaubt, so schwach . . . 

Königi n: 
Wir bergen alle uns im Schlafgemach . . . 

Male r: 
Wenn ich den Lumpenhund vor meinem Degen hätte! 



120 



Kanzler: 

Ins Schlaf gemach! Verzeiht den Bruch der Etikette! 
(Der Kanzler zieht alle ins Schlafgemach der Herzogin und läßt die Türe 
leicht angelehnt. Die Türe ist durch Portieren gedeckt.) 

G arina 
(entriegelt die Türe): 

Verzeiht, Herr Marschall! Es hat lang gedauert ... 

Marschall 

(fröstelnd): 

Der Gang ist kalt. Es hat mich schon geschauert. 
Es schien mir auch, als ob ich Stimmen hörte . . . 

C arina: 
Wie oft mich schon dies leise Flüstern störte! 
Grad unter mir sind die Gesinde Stuben, 
Es kichern wohl die Mädchen und die Buben. 

Mar schall: 
Seid nicht verwundert, daß ich Euch besuche, 
Eh Ihr, zur Nacht geschmückt, zum König geht. 
War' es nicht dringend, störte ich Euch nicht. 

C arina: 
Ich höre immer gern auf kluge Worte. 
Ich bin auch nicht verwundert, wie Ihr glaubt. 
Im Gegenteil! Ich habe Euch erwartet! 

Marschall: 
Ich merk', Ihr seid genau so klug als schön, 
Darum versteh' ich nicht, daß Ihr die Werbung 
Des Königs unvernünftig abgeschlagen. 
Zu großen Ehren hat? ich Euch erkoren, 
Ihr seid von seifner Schönheit, hochgeboren, 
Von Eurer Bildung hört' ich Rühmenswertes . . . 
Und Euch, der Auserwählten, widerfährt es, 
Daß Euch durch schlaue Worte des Vasallen 
Die falschen Karten in die Hände fallen! 

121 



Statt herrlich einen Königsthron zu schmücken, 
Müßt Ihr Euch vor der Kammerzofe bücken, 
Entwürdigt, Euch zu falschem Spiel bequemen, 
Und tun, wovor sich edle Frauen schämen. 

C arina: 

Der Unerfahrene läßt sich leicht verleiten! 

Was nützt es, jetzt mit dem Geschick zu streiten? 

Marschall: 

Wenn Ihr auf einen guten Freund Euch stützt, 
Was die Natur Euch gab, auch klug benützt, 
So habt Ihr die Partie noch nicht verloren. 
Ihr werdet dann, wozu ich Euch erkoren. 

C arina: 
Da ich einmal die Frau des Herzogs bin . . . 

Marschall: 
Das hindert nicht. Ihr werdet Königin. 

C arina: 
Was wird mein Mann, der Herzog dazu sagen? 

Marschall: 

Dem wird nicht allzulang die Reue plagen. 
Ob ihn ein Zufall trifft, ob das Gericht — 
Den Morgen überlebt er lange nicht. 

C arina: 
Der arme Mann! Verbannung war genug . . . 

Marschall: 

Der Tod ist noch zu wenig für den Trug! 
Wie hat den König er Euch dargestellt! 
Der ist ein edler Mann, ein tapferer Held, 
Und findet er ein Weib, das ihn erkennt, 
Wird er ein großer, herrlicher Regent! 



122 



C arina: 
Das ihn erkennt? Wie ist das zu verstehen? 

Marschall: 
Sie weiß mit ihm vorsichtig umzugeh'n. 
Sie läßt den Schein der Herrschaft seinen Händen, 
Um alles doch nach ihrem Sinn zu wenden. 

C arina: 
Wie halt' ich ihn? Wie zwing' ich seine Treue? 

Marschall: 
Sein sündig Leben füllt ihn jetzt mit Reue. 
Des Treibens müde, sehnt er sich nach Ruh', 
Drum strebt sein Herz mit Macht der Ehe zu. 
Wie bald verliert sich seiner Laster Spur! 
Verehlicht, wird die Treue ihm Natur! 

C arina: 
Noch hat er nicht Celesta ganz vergessen! 

Marschall: 
Wie kann sie sich mit deiner Schönheit messen? 

C arina: 
Wie lange kann ich diesen Wilden halten? 
Die Glut wird ja nach einem Jahr erkalten! 
Er jagt mich fort, wenn seine Liebe schwindet. 

Marschall: 
Doch hat er keinen Grund . . . 

C arina: 

Wer sucht, der findet. 
Ich setzte gern die Krone mir aufs Haar, 
Allein mich schreckt und hindert die Gefahr. 

Marschall: 
Da Ihr mit mir vereint im gleichen Sinnen, 
Wie man den König dauernd kann gewinnen, 



123 



So will ich, Herrin, offen zu Euch sprechen: 
Ich wollte mich an Frau Celesta rächen, 
Weil sie mir feindlich war; denn stets entgegen 
Fand ihren Einfluß ich auf meinen Wegen. 
Mit mir vereint, war 1 ewig sie geblieben 
Und unerschüttert war' des Königs Lieben . . . 
Ihr seid mit mir, treibt stille meine Mühlen. 
Ein breiter Strom bleibt Euch des Königs Fühlen; 
Da lebt Euch aus! Da gebt dem Herrscher Flügel! 
Nur in der Politik laßt mir die Zügel! 

C arina: 

Das allerdings gibt mir die Festigkeit. 

Man lernt Euch schätzen, Marschall, mit der Zeit. 

Marschall: 
Ich sehe klar, die Sache wird schon gehen. 
Wie bin ich glücklich, daß wir uns verstehen! 

C arina: 
Ein Umstand ist, der mich noch hindern kann: 
Ich bin verliebt in einen andern Mann. 

Marschall: 
Nicht in den Herzog, ward mir zugetragen, 
Der war erledigt in den ersten Tagen. 
Der Maler ist es, den Ihr Euch erwählt, 
Des Leben jetzt auch nur nach Stunden zählt . . . 

C arina: 
Nein, seinen Tod könnt* ich nicht überleben! 
Sollf es nicht einen andern Ausweg geben? 

Marschall: 
Was tun? Der plumpe Schwindel mit dem Bilde, 
Der bringt ihn rasch in selige Gefilde . . . 
Doch daß Ihr seht, daß ich auch menschlich bin, 
Ich zieh die Sache mit dem Maler hin, 
Bis ihn die Majestät begnadigt hat. 
Er lebe dann in einer andern Stadt. 



124 



C arina: 
Das kann ich nicht. Er ist mein Augenlicht. 
Mein Herz auch dieser Lösung widerspricht. 

Marschall: 
So sollt Ihr seh'n, wie ich ein wahrer Freund: 
Der Maler bleibt am Hof mit Euch vereint. 
Ihr müßt, will ich mich schon dazu bequemen, 
Auf Eifersucht des Königs Rücksicht nehmen . . . 
Ich bin in Liebessachen gar nicht strenge. 
Den König treib'* ich gerne in die Enge, 
Weil er von Sündenlast erdrückt, gepreßt, 
Sich leichter dann — zum Guten lenken läßt. 

C arina: 
Jetzt sag' ich auch: Die Sache wird schon gehen! 
Wie glücklich bin ich, daß wir uns verstehen! 

Marschall: 
Der König ist mit Sünden überlastet, 
An Liebe arm, er hat zu lang gefastet. 
Nur wenn er heiß genießt, kann er vergessen, 
Was an Celesta er dereinst besessen. 
Das ist die Grundbedingung dieses Falles. 
Versteht Ihr mich? 

C arina: 

Ja, ich verstehe alles! 

Marschall: 
Dem Aberglauben ist er stets erlegen, 
Und dieser Umstand war für mich ein Segen. 
Erzählet ihm, es hätte Euch geträumt, 
Der Engel Gottes hätte Euch gepredigt, 
Mach' er zur Königin Euch ungesäumt, 
So wären seine Sünden alV erledigt. 
Ihr gebet Euch aus „höh'rer Mission". 
Das bringt Euch rascher auf den Königsthron. 
Auch das ist mit Bedingung dieses Falles. 
Versteht Ihr mich? 



125 



C arina: 

Ja, ich verstehe alles! 

Marschall: 
Mit manchem weisen Rat will ich Euch noch versehen 

C arina: 

Ich weiß genug! Jetzt bittf ich, bald zu gehen. 
Ihr kennt uns Frauen ja! Zur Reiherbeize 
Bedarf es ganz besonders starker Reize. 
Es gibt noch viele kleine Nebensachen, 
Man schiebt sie auf zum dringenden Moment, 
Ein jedes Weib kann sich noch schöner machen, 

Wenn zu gefallen, es in Gier verbrennt. 
Bedenkt auch die Bedeutung meines Falles . . . 

Versteht Ihr mich? 

Marschall: 

0, ich verstehe alles! 
Mein Segen ruht auf Euerem Beginnen! 
Ich geh' indeß die Fäden weiter spinnen. 
Ich reite heute Nacht noch zu dem Heere . . . 
Ihr aber haltet Euch an meine Lehre. 
Ich sah schon manche Frau in Schönheit strahlen, 
Sie müssen alle Euch Tribut bezahlen. 
An Klugheit seid Ihr gleichfalls überlegen. 
Frau Königin! Noch einmal, meinen Segen! 
(Er küßt ihr die Hand und entfernt sich.) 

C arina: 
(Nach einer kleinen Pause. Sie schiebt den Riegel wieder vor.) 

So tretet liebe Freunde wieder ein! 
Der Marschall ist schon fort, die Luft ist rein. 
Was sag ich? Rein? Sie schwält von bösen Düften. 
Die Fenster auf, den Satan auszulüften ... 

Kanzler: 
Erst wartet, bis der Böse sich entfernt . . . 



126 



Maler 
(zu Carina): 

Wann habt Ihr diese Schauspielkunst gelernt? 
Ihr spieltet wie die Katze mit der Maus. 
Mein Gott, wie sieht der Marschall innen aus! 
Den faßt der Böse sicher beim Genick! 

Kanzler: 
Den Engel selbst verdirbt die Politik. 
Ich reise heute nacht zu unsern Truppen . . . 

Koni gi n: 
Von meinen Augen fällt es jetzt wie Schuppen. 
Ich weiß, warum mein Liebster zürnen konnte, 
Wenn dieser Mensch in seiner Gunst sich sonnte. 
Wie traurig stimmen einen die Gedanken, 
Daß Liebende so schwach, so haltlos wanken, 
Daß Herzen sich so leicht verführen lassen 
Durch fremdes Wort . . . und Lieben wird zum Hassen. 

Carina: 

Die Liebe droht mit ausgespannten Netzen, 
Mit tausend Tücken und geheimen Fallen. 
Vom stolzen Banner bleibt ein bunter Fetzen, 
Wenn sich am Liebeshimmel Wolken ballen. 
Am Abgrund stehen wir im höchsten Glücke, 
Celestas Los zeigt uns des Schicksals Tücke. 

Koni gi n: 
Vergeßt mein Schicksal, meine bittern Zähren! 
Die wahre Liebe muß sich stets bewähren. 

Kanzler: 

Das Gute siegt, doch hat es kerne Eile . . . 

Es dauert immer eine gute Weile. 

Die Brücke rasselt — Seht, der Marschall reitet, 

Von vielen schweren Reisigen begleitet. 

Ich weiß, daß sich die Edlen heut vereinen, 

Zu dieser EückspracK muß ich auch erscheinen. 

127 



Die Nacht ist klar, der Himmel ausgesternt — 
Nun, da der Marschall endlich sich entfernt, 
Kann ich die Königin zu meinem Herrn geleiten. 
wäre diese Nacht ein Anfang besserer Zeiten! 

Königi n: 

Das erste Mal, seit ich verstoßen wurde, 
Fällt mir der Gang zu deinem Herrn nicht schwer. 
Wie Ahnung neuen Glückes füllfs die Brust, 
Ein Jubeln hält sie mühsam nur zurück. 
Wie soll ich allen meinen Freunden danken? 
Wie, Maler, dir? Und wie der lieben Freundin? 
Wir Frauen sind doch jammervolle Wesen, 
Der Willkür aller Männer preisgegeben 
Und niemals mehr, als wenn wir innig lieben. 
Drum kann nur eine Frau die Frau verstehen . . . 

Kanzler: 
Es drängt die Zeit, wir müssen endlich gehen. 

Königi n: 

Ich gehe schon. Laßt Eure Hände drücken . . . 
Und möge Euch die Liebe voll beglücken. 
Frau Venus ruft! Und wird der König mein, 
So wird auch Eure Liebe selig sein! 
(Der Kanzler und die Königin gehen durch die Türe links ab. Die Königin, 
tief verschleiert, hat den Mantel Carinas angelegt.) 

Letzte Szene. 

Maler: 

Ehrfurcht erfüllt mich vor der Majestät 
Der Liebe, die dies Frauenherz verrät! 
Das Diadem der Treue hat vom Haupt 
Des Königs Unbill niemals ihr geraubt 
Welch grause Schmach hat sie erduldet, 
Verjagt, verstoßen unverschuldet, 
In ihrer reinen Ehre tief verletzt — 
Die Liebe hat sich siegreich durchgesetzt, 

128 



Wenn Männern längst der holde Wahn zerstiebt, 

Das echte Weib ist treu und liebt — und liebt! 

Hier fühle ich der Gottheit Ähnlichkeit, 

Den Odem einer neuern, bessern Zeit. 

Wie klein erschein' ich mir vor solcher Größe! 

Beschämt, belehrt, erkenn 1 ich meine Blöße. 

Was ich genossen, war der Stunde Gier, 

Ich nahm, was sie mir bot, ein geiles Tier. 

Daß meine Seele liebt und nicht mein Fleisch allein, 

Daß alle Wonnen dieser Erde mein, 

Daß mich der Liebe stolze Krone schmückt, 

Daß sie auch mich der niedern Welt entrückt, — 

Daß ich mich schenken kann so ohne Schranken, — 

Carina, Liebste, wie soll ich dir danken? 

C arin a: 
D u sprichst von Dank? Was ich dir schuldig bin, 
Das auszudenken will ich gar nicht wagen! 
Du halfst mir meine schwerste Stunde tragen, 
Du gabst mir Blinden einen neuen Sinn. 
Seit du mich lieben lehrtest, ward's mir klar, 
Wie arm, wie freudeleer mein Leben war. 
Im Dunkel schritt ich, in dem kühlen Tale, 
Du zeigst die Gipfel mir im Sonnenstrahle . . . . 
Mein ganzes Dasein war ein Vorbereiten 
Für diese lusterfüllten Liebeszeiten. 
Wie sag' ich's nur, was ich verborgen hege? 
(Sie hält ein, ringt nach dem Ausdruck . . . Der Maler wartet gespannt. 
Sie schlägt den Blick nieder.) 
Zu deiner Liebe weisen alle Wege . . . 
Das Schicksal hat mich so zu dir geführt, 
Daß ich ein Mädchen bin . . . und unberührt. 

Male r: 

Ein Mädchen du? Und unberührt dein Leib? 
Du ivarst ja doch des Herzogs Eheweib?! 

C arin a: 
Der Herzog ist im Grund des Königs Knecht. 
Er ist nicht feig — nun weiß ich es —, nicht schlecht. 

Stehet, Das goldene Seil. 9 

129 



Des Königs Eigentum hat er nicht angetastet, 

Die Schuld hat sein Gewissen schwer belastet, 

Drum hieß er heute mich zum König geh'n. 

Er gab mich ihm zurück . . . So wollen wir's verstehen. 

Maler: 

Wie wunderbar des Schicksals wirre Wege! 
Du bist des Herzogs Weib und doch noch Jungfrau, 
Von je für mich bestimmt, unangetastet . . . 
Carina! Liebste! Bist du endlich mein? 

C arina: 

Wozu die Frage? Alles — alles dein! 
(Sie fallen einander in die Arme.) 



(Schluß des dritten Aktes.) 



ISO 



Vierter Akt. 

(Schauplatz der Handlung wie im ersten Akte. Der Harschall und der 
Herzog im Gespräche.) 

Erste Szene. 

Marschall: 

Mir geht es ganz wie Euch, mich hat der König 
Wie alle andern heute herbefohlen. 
Erst wird er jeden einzeln hier empfangen, 
Dann soll der ganze Hof vor ihm erscheinen. 
Noch weiß ich nicht, was dies bedeuten soll . . . 

(Nach einer kleinen Pause.) 
Wie geht es, Herzog, Eurer lieben Frau? 
Wie ist denn ihr Befinden, ihre Laune? 

Herzog: 
Mich kränkt, daß ich Euch noch nicht dienen kann. 
Die Türe, die zu ihrem Zimmer führt, 
War fest verriegelt. Dreimal klopft' ich an 
Und fand nicht Einlaß. 

Marschall: 
Mein Gott, sie war gewiß sehr angegriffen, 
Vielleicht, daß sie noch bei dem König weilte 
Und heimzugehen sich nicht so sehr beeilte . . . 

Herzog: 
Carina ist von edlem, stolzem Sinn. 
Sie schwur, sie gehe nicht zum König hin! 
Sie werde lieber sich das Leben nehmen . . . 

Marschall: 
Gerade deshalb wird sie heut sich schämen. 
Ihr kennt die Frauen nicht! Sie machen viele Worte . . . 

9* 

131 



Und schließlich naschen sie die — Zuckertorte. 

Ein offnes „Ja l \ das würde gleich gestehen, 

Sie wird mit Wonne zu dem König gehen. 

Sie lieben die Gewalt und unbewußt 

Sehnt jede sich nach einem Wort: „Du mußt". 

Gelingt es, das Gewissen einzuschläfern, 

So folgen sie wie Lämmchen ihren Schäfern . . . 

Herzog: 
Carina ist von dieser Sorte nicht! 
Sie fühlt und denkt genau so wie sie spricht 

Marschall: 
Wie stech 1 ich diesem Blinden doch den Star? 
Ich weiß gewiß, daß sie beim König war. 

Herzog: 
Carina lebt?! Sie hat sich nicht entleibt? 

M ar s chal 1: 
Was Ihr doch wähnt! Sie hat sich nicht gesträubt. 

H er z o g: 
Ich zweifle doch! Dies zartgefügte Wesen! 

M ar s chal l: 
Ich sage nicht, daß ich dabei gewesen, 
Wie sie beim König war. Es wäre interessant . . . 
Doch weiß ich sicher, daß den Weg sie fand. 
Ich war es, der sie dringend darum bat. 
Sie sagte zu — dem König und dem Staat. 
Der Steuerpflicht der Liebe war sie teil 



H er z o g: 
Herr Marschall, diese Wilze sind sehr billig. 
Ihr nützt die Stunde, alte Schuld zu rächen . . . 
Kommt Zeit, kommt Rat. Kann ich den König sprechen? 

M ar s chal l: 
Macht Euch gefaßt: der Herr ist Euch nicht gnädig. 



1S2 



Herzog: 
Ich fürchte nichts. Der Sorge seid nur ledig. 

Marschall: 
Nun, gestern schienet Ihr wahrlich nicht gefaßt! 
Heut' aber glaubt Ihr, daß der König spaßt . . . 

H er zo g: 
Ach, gestern schien mir alles schwarz gerändert, 
Das Heute sieht mich innerlich verändert. 
Ich hob dem König Wichtiges zu sagen. 
Was er verhängt, ich kann es ruhig tragen. 

Marschall: 
Ja, in der Tat, ich find Euch sehr besonnen. 
Die Religion ist stets ein Wunderbronnen, 
Der kann uns immer in der Not erlaben. 
Ihr müßt die Nacht sehr viel gebetet haben . . . 

II e r z o g: 
Ihr triumphiert zu früh, Herr Feldmarschall! 
Durch Delila kam Simson einst zu Fall. 
In eigener Schlinge, wehrlos steh ich hier 
Und koste das: Philister über Dir! 
Doch habt Ihr trefflich auch nach mir gezielt. 
Noch ist der letzte Trumpf nicht ausgespielt! 
Ihr weidet Euch an meinen Seelenqualen . . . 
Wie bald könnt Ihr die Grausamkeit bezahlen! 
Wenn ich mich besser meiner wehren kann. 
Jetzt, Marschall, meldet mich dem König an! 

M ar $ chal l: 
Den Vortritt habe ich! Der Wache Schritt 
Hallt dröhnend durch den loeiten Korridor. 
Erst leiht der König mir sein gnädig Ohr. 
Ich will in dieser Stunde nicht verfehlen, 
Von Eurer Wandlung freundlichst zu erzählen. 
Ihr seid so gütig, auf den Ruf zu harren. 
(Er zeigt dem Herzog mit einer ziemlich herrischen Gebärde die Türe. — 
Der Herzog verläßt das Gemach, nicht ohne dem Marschall einen ver* 
ächtlichen Blick zugeworfen zu haben.) 

133 



Marschall 

(allein): 

Wie macht die Liebe doch aus Helden Narren! 

Jetzt heißt es klug die Gunst der Stunde prägen! 

Was and're schwächt, bringt meiner Herrschaft Segen . . . 

Zweite Szene, 

(Die Türe rechts öffnet sich. Es erscheinen die Leibtrabanten, die Spalier 
bilden und auf einen Wink des Königs sofort verschwinden.) 

Koni g: 
Es drängt mich, dir ein Unrecht abzubitten. 

Marschall: 
Zuviel der Gnade, Majestät! 

Koni g: 

Willst wieder du mein Freund und Lehrer sein? 
Und wieder „Du" mir sagen? Willst du das? 

Marschall: 
Die unverhoffte Wendung macht mich glücklich. 

Koni g: 

Seit dieser Nacht erst kann ich es ermessen, 
Wie gut du es mit mir gemeint, als du 
Carina mir als Ehgemahl ersehen. 
Der einzige warst du, der mich aus diesem 
Verhängnisvollen Wirrsal retten wollte. 

Marschall: 
Sie ist ganz wunderbar, von seifner Tugend. 

K ö n i g: 
Ich glaub' ihr jede Tugend, jeden Vorzug, 
Und glücklich bin ich heut\ wie nicht seit langem, 
Zugleich auch schwer und unverdient betroffen 
Von meines übergroßen Unglücks Last. 
Mir scheint die Sonne wieder, meine Kräfte 

134 



Sind neu gestählt. Ja, selig bin ich 
Und doppelt elend durch die Seligkeit. 

Marschall: 
Wie soll ich diesen Zwiespalt doch verstehen? 
Darf jetzt der Freund vom Freund den Grund erfahren? 

Koni g: 
Kein anderer als du, dem ich vertraue, 
Von Falschheit, List, Betrug und Hohn umgeben. 
So wisse denn, was ich dir stets verschwiegen: 
Unglücklich war ich, seit Celesta fort . . . 
Ich konnte meine Liebe nicht ertöten. 

Marschall: 
Ich weiß, welch unfaßbare Zärtlichkeit 

Du immerdar verschwendest hast — an eine 

Frau, unwürdig dieses Opfers. 

Koni g: 

Du ahnst es nicht, was ich gelitten habe! 
Denn ich verlor, was mir allein das Leben 
Ermöglicht, was es lebenswert mir macht. 

Marschall: 
Das wäre? 

Koni g: 
Das Vertrauen, Freund! Vertrauen! 
Was ist das Leben ohne dies Gefühl? 
Celesta trauend, traute ich der Welt! 
Seit ihrem Treubruch gab es keinen Glauben, 
Kein Halten mehr. Der kranke Zweifel zehrte 
An meinem Ich, das bös entartete, 
Wie eine Frucht, von Faulheit angestochen . . . 
Wer soll noch treu sein, wenn Celesta trügt? 
Und welcher Schwur ist echt, wenn dieser log? 
Und wenn du wüßtest, wie sie zärtlich war 
Und welch verschwenderische, reiche Fülle 
Von Liebesglück Celesta bieten konnte . . . 



135 



Marschall: 
Auch andere Frau'n sind schön und voller Glut . 

K ö n i g: 

Die „andern Frau'n" empfing ich wie ein Knabe, 
Im Finstern, zaghaft, läppisch, ungeschickt, 
Celestas unzerstörbar Bild im Herzen. 
Sie blieben alle kalt wie Marmelstein, 
So daß verschmachtend ich mich überraschte, 
Wie ein Gedanke immer wieder kam: 
Celesta wollt' ich um Verzeihung bitten, 
Demütig winselnd, wie ein kranker Hund: 
„Mach was du willst, sei wie du willst, Celesta, 
Nur sei mein Weib, sei endlich wieder mein!" 

Marschall: 
Dem Himmel Dank, daß du es nicht getan . . . 

K ö n i g: 

Was hielt mich ab? Ein halb gebrochener Trotz, 

Ein fast zu Tod gehetzter innerer Stolz, 

Ein Klammern an den Rest von Männlichkeit. 

Und dieser Stolz empört sich tief beschämt 

Und wütet gegen alle diese Frauen, 

Die kalt bei meinen heißen Küssen bleiben. 

Ein König, der kein Weib beherrschen kann! — 

Was nützt die Majestät, wenn er kein Mann? 

Marschall: 
Als Mann und Freund kann ich dich gut verstehen. 

Koni g: 

Das machte mich verbittert und mein Leid 
Ließ ich Unschuldige zu oft entgelten. 
Könnt 1 ich nicht Wonnen spenden, wie ich wollte, 
So war ich Herr der Schmerzen und der Qualen, 
Es mußte mir der Schmerz die Lust bezahlen. 



186 



M ar s c hal l: 
Versteh' icKs recht? Du fandest keine Frau, 
Bei der es dir gelang, die Glut zu wecken? 

Koni g: 
Bis heute Nacht hat jede mich beschämt . . . 
Doch dieses Weib des Herzogs, deren Hände 
So weich, so sanft nach meinen Schläfen suchten 
Es war die Art wie — sie mich streichelte . . . 

Marschall: 
Wer „sie"? Ihr meint — ? 

Koni g: 

Celesta, meine Frau. 
Ach, heute Nacht! Wie find 1 ich nur die Worte, 
Da höchste Wonne Schiv eigen mir gebietet? 
Es waren doch die Hände meiner Frau, 
Die feinen Finger, die die meinen faßten, 
Es war der edle, sanft geschwellte Leib, 
Es war die Stimme, die so werbend lockte, 
Daß mir das Blut in meinen Adern stockte. 

Mar schal l: 
So ähnlich ist Carina deiner — Frau? 

K ö n i g: 
Viel schöner ist sie, feiner, wohlgestaltet, 
Die Stimme reiner, reicher ihre Haare. 
Carina übertrifft Celesta! 
Sie ist der Gipfel aller Weiblichkeit. 
Ich bin so glücklich, daß ich sie gefunden, 
Die mich Celesta ganz vergessen macht, 
Weil sie der Liebe Trank mir reicher bietet. 
Nun triumphiert mein schwer gekränktes Herz 
Und meine Jugend, um ihr Glück betrogen, 
Wirft jetzt Celesta tausend Flüche nach, 
Jauchzt stolz: „Carina" wie des Sieges Losung. 
Sie sprengt die unbarmherzigen Liebesketten, 
Vorüber ist Celestas Tyrannei. 
Ich trotze ihr . . . Carina macht mich frei. 



137 



Marschall: 
Jetzt kannst du den Verrat des Herzogs erst ermessen! 

K ö n i g: 
Du mahnst mich an mein Unglück! Von dem Gipfel 
Der höchsten Lust in der Verzweiflung Hölle 
Stürzt der Gedanke mich, daß dieser Schurke 
Dies schöne Weib ruchlos vor mir besessen. 
Mein Hirn wälzt aller Rache Grausamkeiten 
In wildbewegtem Reigen hin und her. 

Marschall: 
Die Vorsicht rät uns einen andern Weg. 

König: 
Wenn ich durch seinen Tod nur Ruhe fände! 
0, daß er ganz aus ihrem Sinn verschwände! 
0, war' er nur ein Traum, ein leerer Schatten! 
Wie tot' ich das Gespenst, Carinas Gatten? 
Es stürzt Besond'res in das Allgemeine, 
Ob lebend oder tot, sie war die Sei n e. 
Das zweite Mal drängt er sich in mein Lieben! 

Marschall: 
Und ist trotz deiner Qual dir Freund geblieben?! 

König: 
Oh meiner Seele Rätsel — / Ja, ich lieb 3 ihn 
Und keiner weckt wie er die Eifersucht. 
Und selbst der böse quälende Gedanke 
Ist wie mit einer leisen Lust vermählt, 
Als wären wir wie Brüder einer Mutter, 
Vermählt durch eines Weibes gleiche Gunst. 
Doch weiß ich es, ob er die Gunst besaß? 
Laß mir den falschen Freund jetzt kommen, 
Ich hörte, daß er nicht sehr glücklich war. 

Marschall: 
Das hört' ich auch. Woher kam dir die Kunde? 



138 



König: 

Mein Freund, du rührst an eine zweite Wunde. 
Vom Maler hört'' ich es, daß sie sich ihm geneigt, 
Dem Herzog aber immer frostig sich gezeigt. 
Doch sagt der Schuft, daß er sie nie besessen . . . 
Nun kannst du meines Unglücks Wucht ermessen. 
Sie liebt den Maler, war des Herzogs Weib. 
Sie raubten mir die Seele und den Leib. 

Marschall: 

Die Schwärmerei des Malers war platonisch. 
Du weißt, die Liebelei ist bei ihm chronisch, 
Er wechselt jede Woche das Objekt. 

K ö n i g: 

Carinas Liebe hat er doch geweckt! 
Ich habe es aus seinem Mund gehört. 
Sie haben beide mir mein Glück zerstört. 

Marschall: 
Zur Buhle bleibt ihr immer noch genug. 

Koni g: 

Nach höhern Sphären geht der Seele Flug! 
Ich will dies Götterweib auch nur als Ganzes. 
Zerrissen ist der Schmuck des Myrthenkranzes, 
Ihr Herz erfüllt von einer fremden Minne . . . 
Ja, ich will mehr als nur ein Fest der Sinne, 
Ich will ein Eheweib, mir treu ergeben. 
Mir graut vor meinem sündigen Lotterleben . . . 
Die LieV zum Maler könnt' ich noch verzeihen — 
Wer kann denn eine Seelenjungfrau freien? 
Doch daß der Herzog einst ihr Lager teilte, 
Daß sie von ihm in meine Arme eilte, 
Ist einzig der Gedanke, der mich quält. 
Weshalb hat sie den „Ritter" sich erwählt, 
Wenn meine Werbung auch in Frage steht? 
Lag es am Herzog, daß sie mich verschmäht? 



139 



Marsehai l: 
Carina war gehlendet, jung und unerfahren. 

Könt g: 
Sie war kein Kind mehr, schon in reifen Jahren. 
Schick mir den Herzog her, er muß berichten, 
Wieso es kam, dies schreckliche Verzichten. 
Auch will ich wissen, ob sie immer brennt, 
Ob auch der Herzog ihre Flammen kennt, 
Ob sie an ihn die gleiche Glut verschwendet, 
Vielleicht, daß dies des Zweifels Qual beendet. 

Marschall: 
Du ivühlst in Wunden! Laß den Herzog geh'n! 

K ö n i g: 
Nein, nein! Ich find 7 nicht Ruhe vor mir selbst. 
Vielleicht, wenn ich erfahre, daß Carina 
Zuerst für mich sich flammenheiß entzündet, 
Daß ich den Schatten dieses Mann f s verdränge. 
Schick mir den Herzog! 

Marschall: 
Vergiß dich nicht! Beherrsche deinen Zorn! 
Die Strafe muß sich wie ein Schicksalsschlag 
Aufs Haupt des Schuldigen entladen. 
Gott strafe seinen frevlen Übermut! 
Doch deine Hände bleiben rein vom Blut . . 

(Ab.) 

K ö n i g 

(allein): 

Verstellung! Schwere Pflicht der Majestät! 
Vor mir so klein, muß ich den Großen spielen. 
Und wo ich zürne, darf ich nicht bestrafen, 
Darf nicht die Regung des gerechten Zornes 
In Rache, wie ein jeder Mensch, entladen. 
In einem Glashaus, drauf die Sonne fällt, 
Spielt sich mein Leben ab vor aller Welt. 



140 



Unglück und Glück, Verzweiflung und Entzücken, 

Ein Schauspiel sind sie den gemeinen Blicken. 

Unfaßbar Glück: in Dunkelheit zu wandeln, 

Ein Mensch zu sein und wie ein Mensch zu handeln! 

Von tausend Blicken führ ich mich verfolgt, 

Bis in mein Innerstes belauscht, beachtet. 

Und wenn mein Herz nach wilder Rache schmachtet, 

Muß ich mich in die stolze Rolle fügen, 

Statt Lügen strafen, muß ich selber lügen. 

Dritte Szene 

(Die Türe öffnet sich etwas zaghaft. Der Herzog tritt unsicher und doch 
mit einer viel besseren Haltung ein.) 

Herzog 
(sich dem König zu Füßen werfend): 

Mein Freund und König kannst du mir verzeih 1 n? 

Kö ni g: 
Dein Freund nicht mehr. Dies Recht hast du verwirkt . . . 

Herzog: 
Ich weiß, ich habe schwer an dir gesündigt. 

Koni g: 
Steh' auf! Du liegst sehr tief, auch wenn du stehst. 
Bevor ich dir das Urteil künde, laß mich 
Erst hören, wie du den geraden Weg 
Des Rechtes und der Pflicht verlassen hast. 
Verblendeter! Wie konntest du es wagen, 
Nach deines Königs Gut Gelüst zu tragen?! 

II er zo g: 
Dir war sie fremd, vergiß das Eine nicht! 

K ö n i g: 
Das ist kein Grund, der dir zugunsten spricht. 
Brautwerber warst du, sie dir unnahbar, 
Weil sie schon halb des Königs Gattin war. 



Herzog: 

Welch Dämon meinen reinen Blick verwirrt, 
Ich weiß es nicht. Ich sah zuerst mit deinen. 
Des Freundes Augen, dir die Braut zu küren. — 
Schon rät der Dämon mir, sie heimzuführen. 

Koni g: 

Den Dämon laß ich dir als Grund nicht gelten, 
Die Feinde such 9 ich nicht in andern Welten. 
Du wichst so rasch den lockenden Gedanken? 

Herzog: 

Mich machte erst Carinas Ausspruch wanken, 
Sie werde sich dem König nie ergeben; 
Sie nehme lieber sich vorher das Leben! 

Koni g: 
Du lügst! Carina konnte das nicht sagen . . . 

Herzog: 
Ich spreche wahr. Du kannst Carina fragen. 

Koni g: 
Was war der Grund, der Sporn für dies Verhalten? 

Herzog: 
Was sie von Euch gehört, ließ sie erkalten, 
Der Vorgang mit der Frau, das wilde Leben, 
Sie wollte einem „Keuschen^ nur sich geben, 
Drum nahm sie mich, bot sich mir förmlich an 
Und drang in mich — und so ward ich ihr Mann. 

K ö n i g: 

Und du — du konntest dich ihr ganz ergeben? 
Vor meiner Rache mußtest du nicht beben? 
Du lagst in ihrem Arm und konntest kosen 
Und brachst mit frevler Hand die fremden Rosen? 



142 



Herzog: 
Ich habe nie gekost. Ich blieb stets züchtig. 
Ein einzig Mal, da küßt ich sie ganz flüchtig 
Auf eine Wange, zaghaft, zart und leis. 
Sie wandte sich und war so kalt wie Eis. 

Koni g: 
So kalt wie Eis? sag es noch einmal! 

Herzog: 
So blieb mir von der Liebe nur die Qual. 

Koni g: 
Sie blieb so kalt? 

Herzog: 
Ist dir das gar so wichtig? 
Sie blieb so kalt, so unnahbar, so züchtig. 

(Stockt.) 

König: 
Du zögerst? Was verbirgst du mir? So sprich! 

Herzog: 
Ich blieb ihr fern. Ich dachte stets an dich! 
Was ich ihr war, du wirst es gleich ermessen: 
C arina haW ich niemals ganz besessen! 

K ö n i g: 

Du lügst! Um mich ein ganzer Lügenkreis! 
Für diese Lüge haV ich den Beweis! 

Herzog: 
Sieh mir ins Auge, Herr! Ich lüge nicht! 
Was weißt du, was der Kunde widerspricht? 
Ich habe nur ein einzig Weib berührt, 
Ich habe nur ein einzig Weib besessen, 
Die Kammerzofe meiner Frau, Marietta. 
Erst heute Nacht lernt' ich die Liebe kennen, 



US 



Nun hält sie mich und läßt mich nicht mehr frei. 
Was meiner harrt, ob Marter, Tod, Verbannung, 
Es trifft nicht mich, es trifft ein Liebespaar. 

König 

(sieht ihn lange an): 

Ich glaube dir! Ich fühl' es, du sprichst wahr. 

Doch wie soll ich in diesem Meer von Lüge 

Erkennen, wo die echte Wahrheit wohnt? 

Nun, Herzog, höre und erkläre mir: 

Ich habe heute Nacht dein Weib besessen. 

So gänzlich unerfahren bin ich nicht, 

Daß ich das unberührte, keusche Mädchen 

Nicht von dem Weibe unterscheiden kann. 

Carina ist ein Weib und liebeskundig. 

Wenn du die Wahrheit sprichst, so hat sie dich 

Betrogen. 

Herzog: 
ich blindgeborener Tor! 
Die Kälte war nur scheinbar, galt nur mir! 
Nun löst der Nebel sich, ich sehe klar, 
Daß sie des falschen Malers Buhle war. 

König: 
So wird es sein. Verführer von Beruf, 
Hat er auch dieses Weib zuerst erobert, 
Und machte dich zum Hahnrei. Ei, Herr Ritter, 
Wo wäret Ihr, wo waren Eure Augen? 
Warum hast du nicht dieser Schmach gewehrt? 
So hat der Taugenichts dein Haus entehrt. 

Herzog: 
Verblendet war ich. Gestern merkt' ich erst, 
Von Marietta klugerweis gewarnt, 
Daß sie der Maler ganz und gar umgarnt. 
Da tratest du in meine kleine Welt 
Und alles war dann auf den Kopf gestellt. 
Nun wollte ich mein Lügenspiel verstecken, 
Die Wahrheit vor des Richters Aug 9 verdecken. 



144 



Koni g: 

Ich weiß genug! Du harrst der weitern Weisung. 

Den Maler laß ich jetzt zu mir befehlen. 

Von dem Gespräch darfst du ihm nichts erzählen. 

(Der Herzog entfernt sich mit stummer Verbeugung.) 

König 

(allein): 

Ist meines Unglücks Maß nicht überfüllt? 
Welch neue Drangsal wird mir jetzt enthüllt? 
Nach langem Suchen finde ich das Wesen, 
Das zu mir paßt. Die Hoffnung, zu genesen 
Hebt sie als Göttin bis zu den Gestirnen, 
Und dieser Augenblick wirft sie zu Dirnen, 
Zu feilen Frauen, jeder Ehre bar . . . 
Welch Liebesmeister doch ihr Lehrer war! 
Der Maler lügt! Er hat doch nie verzichtet, 
Für meine Lust hat er sie unterrichtet. 
Ich bin besudelt, fühle mich beschmiert, 
Das Götterbild hat plötzlich sich vertiert. 
Was träumte ich von einer reinen Ehe? 
Ich sehe nichts als Schmutz in meiner Nähe . . . 
Mich hält das Lügennetz mit tausend Maschen; — 
Ich brauche Ströme, um mich rein zu ivaschen. 

Vierte Szene. 
(Der Maler tritt ruhig ein. Man merkt ihm eine gewisse innere Sicherheit 
und Überlegenheit an, als ob er alle Trümpfe dieses Spieles in der Hand 

hätte.) 

König 

(sich sichtlich beherrschend): 

Zu welcher Strafe hättest du als König 
Mich wohl verurteilt, wäre ich der Maler 
Und hätte deine Schuld auf dem Gewissen?! 

Male r: 
Folgt'' ich der ersten Regung meines Zornes, 
Zum Tode. Doch gewohnt zu überlegen, 
Das Für und Wider peinlich abzuwägen, 

Steltel, Das goldene Seil. 10 

145 



HätV ich dem Angeklagten erst Gehör 
Gegeben. Jede Schuld hat doppeltes 
Gesicht. 

Koni g: 
Ich will nicht schlechter sein als du. 
So mildWe deine Schuld durch ein Geständnis. 
Laß mich in diesem Lügenwust die Wahrheit, 
Die reine Wahrheit hören. Sag mir alles! 
Du liebst Carina und sie war die deine! 

Maler: 
Ich geV es zu. Das ist die laut're Wahrheit. 

Koni g: 
Du bist der größte Schurke dieses Reiches, 
Vielleicht der ganzen Welt. Du gibst es zu. — 
Und weißt du nicht, daß diese Frau mein Eigen, 
Daß sie für mich der Herzog werben sollte? 

Maler: 
So höre denn den Hergang dieser Handlung: 
Ich kam hieher, Carinas Bild zu malen. 
Die Zofe fand ich in der Herrin Kleid, 
Die Herrin stand als Zofe ihr zu Seite. 
Doch ich erkannte an den schönen Händen . . 

Koni g 

(verträumt): 

Ja, an den schönen Händen . . . Rede weiter! 

Male r: 
Die Herzogin. Sie sehen und sie lieben 
War eins. Als wäre alles ausgelöscht, 
Was ich von Liebe je erfahren habe, 
Als wär's ein Vorbereiten nur gewesen 
Für diese eine Frau. Ich wollte nicht 
Das Gaukelspiel des Herzogs unterstützen. 
Erst bis Carina . . . 

König 

(streng): 
Carina? 



146 



Maler: 
Erst bis die Herzogin mir offen klagte, 
Sie liebe eigentlich den Herzog nicht, 
Die Angst vor Eurer Majestät und seine 
Ihr wohlbekannte Keuschheit trieben sie 
In diese Ehe, gab ich zögernd nach, 
Weil mir daraus ein Hoffnungsschimmer strahlte. 

Koni g: 
Aus Angst vor mir und meinem wüsten Leben . . . 

Maler: 
Ich malte dann das falsche Bild und ließ . . . 

Koni g: 
Carinas schöne, blasse Hände stehen. 

Male r: 
So ist es auch. Von diesem Tage aber 
Galt all mein Leben nur dem einen Ziel. 

K Ö n i g: 
Du hast es ganz erreicht, dein schönes Ziel. 
Carina wurde längst schon deine Buhle. 

Male r: 
Dies Wort paßt schlecht für diese edle Frau. 

König: 
Du hast gelogen, Maler, frech gelogen. 
Du hast die Frau schon lang vor mir besessen, 
Die Frau, die heutf in meinen Armen lag! 

Male r: 
Die Frau, die heut in Euren Armen lag. 
Die hob ich nie besessen. Lasset mich's 
Am Kruzifix beschwören, wenn Ihr zweifelt, 
Und liefert mich sofort dem Henker aus, 
Wenn dieser heiVge Schwur ein Meineid war. 

K ö n i g: 

Du schwörst, du hast Carina nie besessen?! 

10* 

147 



Male r: 
Das schwör' ich nicht. Ich sagte nur, 
Die Frau, die heut in Euren Armen lag. 

Koni g: 
Das war die Frau des Herzogs doch, Carina! 

Maler: 
Das war sie nicht! Seht dieses Medaillon . . . 

König 
(in höchster Erregung): 

Du Schuft! Dies Medaillon gab dir Carina! 

(Will sich auf ihn stürzen.) 

Male r: 
Beruhigt Euch und schenkt mir erst Gehör! 
Dies Amulett gab mir ein edles Wesen, 
So schön und hochgefürstet wie Carina . . . 

K ö n i g: 
Doch nicht Marietta . . . Nein, sie war es nicht. 

Maler: 
Auch dies verrat ich Euch: die Kammerzofe 
Ist adligen Geblütes. Marietta 
Ist Schwester von Carina durch den Vater 
Und einer Zofe Kind. Das mag den Umstand 
Wohl etwas mildern. 

Koni g: 
So war Marietta heute Nacht bei mir?! 

Maler: 
Marietta? Um des Himmels willen, nein! 
Die Dame ist so schön, so hochgestellt, 
Daß sie den Besten sich vergleichen kann. 
Sie liebt Euch sehr, sie sehnt sich nur nach Euch 
Und bat die Herzogin, ihr diesen Platz 
Und diese Nacht zu gönnen . . . 



148 



Koni g: 
Der Sumpf der Lüge schlagt mit trübem Schlamm, 
Mich ganz verschlingend, über mir zusammen. 
Gibt es aus diesem Moore kein Entrinnen? 
Lockt mich das Irrlicht wieder ins Verderben? 
Weshalb gab diese — dir das Medaillon? 

Maler: 
Ihr gabt es ihr heut Nacht auf ihr Verlangen 
Und ein Gelöbnis gabt Ihr feierlich: 
Ihr würdet jede Bitte ihr erfüllen, — 
Natürlich, wenn sie nur in Eurer Macht — 
Wenn sie dies Amulett als Zeichen brächte. 

K ö n i g: 
So schnell läßt sich die Dame ihre Gunst 
Bezahlen? Sprecht! Doch rasch! Was ist ihr Wunsch? 

Maler: 
Sie bittet um ein willig, ruhig Ohr. 



Sonst nichts? 



Koni g: 



Male r: 
Nichts als Gehör. Doch die Bedingung 
Ist Euer Wort, sie ruhig anzuhören. 

Koni g: 
Ich werde ihrer Rede Strom nicht stören. 
Ein sonderbar Gelüste nach der Nacht, 
Die sie in meinen Armen zugebracht. 
So laß sie ein, die sonderbare Dame. 
Wer ist das Weib? Woher? Und wie ihr Name? 

Male r: 
Das sollt Ihr selber dann von ihr erkunden. 
Gefällt sie Euch, bleibt Ihr mir stets verbunden. 
(Der Maler klopft dreimal an die Türe. Auf dieses Zeichen tritt Celesta 
tief verschleiert in schivarzem Kleide ein. Der Maler entfernt sich mit 

einer Verbeugung.) 

149 



Fünfte Szene, 

K ö n i g: 
Ein Märchen mutet dieses Spiel mich an. 
Es pocht mein Herz . . . Wer bist du, Weib, sag' an! 
Ich grüße dielt! An deinen schlanken Lenden, 
An diesen feinen, schmalen, blassen Händen 
Erkenn' ich dich, Genossin schönster Stunden. 
Wer du auch seist, sag' es mir unumwunden! 

C ele sta 

(lüftet den Schleier): 

Du gabst dein Wort, mich ruhig anzuhören. 

König 

(erkennt sie; halb erschrocken, halb erzürnt): 

Du warst es! Du! Ich kindisch blinder Tor! 
Du wagst, Vermessene, im tück'schen Dunkel 
Der Nacht zu mir zu schleichen! Mich zu küssen! 
Erstiehlst ein Gut, das dir verloren ist. 
Fort, fort! Fort! Fort! Aus meinen Augen! 

C ele sta: 
Du gabst mir heute Nacht ein Medaillon 
Und schwurst, mir jede Bitte zu erfüllen. 
Ich bitte dich: hör' mich gelassen an! 

König 

(blickt zur Seite): 

Ich will auch dir mein Ehrenwort nicht brechen. 

So sprich! Doch mach es schnell! So schnell wie möglich! 

Dein Anblick schmerzt — er ist mir unerträglich. 

C ele st a: 
Ein schweres Unrecht hast du wider mich verbrochen! 
Ein unversöhnlich Urteil hast du ausgesprochen, 
Vor aller Welt hast du die Gattin schwer beleidigt. 
Dem Mörder steht es zu, daß er sich erst verteidigt, 
Eh' das Gericht das strenge Urteil wägt und spricht 



150 



Koni g: 
Was i c h gelitten, das erwägst du nicht! 

Celesta 
(ihn überhörend): 

Geblendet hast du dieser Augen Licht. 

Nie hat ein Mann die Frauenminne 

In ihren Tiefen ganz ergründet. 

Er \agt nach Liebeslust. Die Sinne 

Sind erst durch heiße Glut entzündet, 

Doch was die Lust der Stunde überdauert, 

Was wie ein Götterhauch das Herz durchschauert. 

Der Seele tiefgeheimes Saitenspiel . . . 

Das lenkt nicht seiner dumpfen Sehnsucht Kiel. 

Wenn deine Liebe ausgebrannt wie Stroh, 

Warum dies Ende, unfaßbar und roh? 

Warum der toten Liebe gift'ge Pfeile senden? 

Was ließest du die Minne nicht in Schönheit enden? 

Koni g: 

Für deine schwere Schuld hast du gesühnt. 
Den Tod in Schönheit hast du nicht verdient . . . 

Celesta: 
Welch Missetat hab' Ärmste ich begangen? 
Mein ganzes Leben war ein stetes Bangen 
Um dich allein und um dein Wohlergehen. 
Mich konnte schlaflos mancher Morgen sehen, 
Wenn du nicht alle deine Kräfte fühltest, 
Die heiße Stirn an meinen Händen kühltest; 
Ich lernte heimlich deine Pulse zählen, 
Ich ließ um dich mich von den Sorgen quälen 
Und täglich stieg zum Himmel heißer Dank: 
Er lacht, er küßt, er liebt, er ist nicht krank! 
Wie oft träumt 1 ich davon, dahinzugehn 
Vor dir und aus dem Grabe aufzustehn, 
Zu hüten wider jeglicher Gefahr 
Den Mann, der mehr mir als das Leben icar! 
Wie oft erhob zum Himmel ich die Hände . . . 



151 



Koni g: 
Du marterst mich! Mach dem Gespräch ein Endet 
Vergeblich deiner vielen Worte Flucht . . . 

Celesta: 
Wie warst du blind und taub aus Eifersucht! 
Du glaubtest, daß Celesta einen andern Mann 
Als dem sie angehörte, lieben kann?! 

König 
(ergriffen): 
So hast du keinen anderen geliebt? 

Celesta: 
Niemals! 

Koni g: 

Und wenn ich die Beweise hätte? 

Celesta: 
So zeige mir sie doch, daß ich mich rette! 

Koni g: 
Du kannst mir deine Unschuld nicht beweisen! 

Celesta: 
Du bist kein Mensch! Du hast ein Herz von Eisen! 
So höre mich, du hast es mir versprochen. 
Vom Maler weiß ich es, was ich verbrochen. 
Du fandest in dem Medaillon ein Sinngedicht . . . 

Koni g: 
Der Maler ist ein todgeweihter Wicht! 

Celesta: 
Ein guter Freund ist er! Du wirst ihm danken, 
Wenn dir vom Auge alle Hüllen sanken. 
Das Sinngedicht besagt: ich lieb' dich mehr als Ritter, 
Als Erdensohn, als schlichten Menschen ohne Flitter! 

König 

(verändert sich, sein Gesicht beginnt aufzuleuchten): 
Dem Herzog hast du nie dein Herz gegeben? 



152 



C e l e st a: 
Wie könnt' ich das? Dir galt mein ganzes Leben! 

Koni g: 
Weshalb verbargst du dieses Sinngedicht, 
Das so gefährlich für den Ritter spricht? 

Celesta: 
Aus Samarkand der Kaufmann riet mir's an: 
Zeig nie die ganze Lieb e deinem Mann! 
Zeig' einen Teil, den Rest trag' auf der Brust, 
So bleibt er dein, wenn dies ihm unbeioußt. 
Doch trennst du dich für Tage von dem Lieben, 
So trag' er auf der Brust, was du geschrieben. 

K öni g 

(rasch einfallend): 

Ein Gleiches riet er mir. Den Vers wollt' er verfassen 
Ich glaubte nicht daran, ich hab' ihn laufen lassen. 
Ich könnte jetzt vor Lust zum Himmel schreien! 
Celesta, teures Weib, kannst du verzeihen? 

Celesta: 
Fühlst du auch jetzt, was falsches Spiel erreichte, 
Das Lügenwerk von meiner reu' gen Beichte, 
Erkennst du, was der Marschall schlau bezweckte, 
Als er die blinde Eifersucht erweckte? 

K ö n i g: 
Die Binde fällt, nun kann ich klar erkennen: 
Er wollte mich von allem Guten trennen . . . 
Ein Mensch, der liebt, ist unbezwingbar stark, 
In meiner Liebe traf er mich ins Mark, 
Er raubte mir mein eigen Ich, mein Leben! 
Celesta, Liebste! Kannst du mir vergeben? 

(Er öffnet seine Arme, in die sich Celesta stürzt.) 

Celesta: 
Die Liebe richtet nicht! Sie freut sich ihrer Blüte! 
Doch eine schwere Sorge drückt mich im Gemüte: 
Du zürnst dem Maler nicht für den Verrat? 



153 



Koni g: 
Ach, sein Verraten war die schönste Tat! 
Ist das doch eine sonderliche Welt! 
Die Dinge all sind auf den Kopf gestellt. 
Des Herzogs falsche, unfaßbare Tücke, 
Sie war der Weg zu meinem neuen Glücke. 
Der Maler schändet frevelnd mein Vertrauen, 
Um mir den Weg zu meiner Frau zu bauen. 

Celesta: 
Vergiß die böse Zeit! Vergiß den Haß! 
Und laß dich von der Flut der Liebe tragen! 

König: 
Aus fürchterlichen Hassens Urgewalten 
Befreit, will ich mein Leben neu gestalten. 
Wie glücklich fühl 9 ich mich, wie neugeboren! 
Celesta mein, ganz mein und nicht verloren! 
Die dunklen Tage werden wieder helle! 
Wie stürmisch rauscht die heiße Lebensquelle! 
Lenzstürme brausen durch den Garten meiner Seele . 

(Plötzlich verfinstert sich sein Gesicht.) 
Doch wie vergeW ich mir die schwerste Fehle? 
Ich war ein Sünder, häufte Missetaten . . . 
An jede Dirne hob' ich dich verraten. 
Wo berg' ich mich in deinem großen Herzen? 
Wo war' die Kraft, die Laster auszumerzen? 
Und das Gedächtnis dieser Sündennächte 
Ist eine Last, die mich zum Wahnsinn brächte. 

Celesta: 
Ich sagte dir schon, vielgeliebter Mann, 
Daß echte Liebe gar nicht zürnen kann. 

Koni g: 
Das Sakrament der Ehe hob' ich frech entweiht 
Durch Sünden, die mir weder Gott noch Weib verzeiht. 
Und wollte mich der König aller Könige entheben, 
Ich selber werde mir den Frevel nie vergeben. 



154 



C e l e s t a: 
Bevor ich über die Vergehen spreche, 
Den Sündenbann, der dich umfängt, zerbreche, 
Wird noch mein Freund, der Kanzler, zugezogen, 
Ein Mann, der wie der Maler dich betrogen, 
Der zu mir hielt, als alles um mich wankte, 
Dem ich in schwerster Zeit die Treue dankte, 
Der an mich glaubte und an meine Reine. 
Er war mein Freund und trotzdem doch der deine 

(öffnet die Türe und spricht in den Vorsaal:) 
Mein lieber Freund, Herr Kanzler, tretet ein, 
Ihr müßt der Zeuge der Versöhnung sein. 

König 
(zum Kanzler): 

Du siehst dein Werk nun von Erfolg gekrönt, 
Celesta hat sich ganz mit mir versöhnt. 
Du warst es stets, der für sie Lanzen brach, 
Der immer treu zu ihren Gunsten sprach, — 
Vergeblich, denn mein Haß war stark wie Erz; 
Jetzt dankt beseligt dir mein jubelnd Herz! 

Kanzle r: 
Tag der Freude, Tag voll Glanz und Licht! 
Mein Alter bangte, ich erleb' ihn nicht. 
Nun kann mein Leben auch zu Ende gehn. 
Dem König muß ich meine Schuld gestehn. 

K ö n i g: 
Sei deine Schuld, mein Freund, auch noch so groß, 
An diesem Tage spreche ich dich los. 

Kanzle r: 
Nicht allzu rasch! Erst höre meine Schuld. 
Ich zweifle, ob mich freispricht deine Huld. 
Mein Schwur, ich hätte nichts vor dir verhehlt, 
Ein Meineid wars, ich hab' mich schwer verfehlt. 
Denn lange Zeit hielt ich dich nur zum Besten. 
Ich sah dich feile Frau'n am Hofe mästen, 
Ich sah dein schmerzverzerrtes, wildes Jagen 
Und schwer war deines Auftrags Last zu tragen. 



155 



Die Frauen, die dein gierger Blick gekürt, 
Die haV ich alle dann dir zugeführt 
Ermiß nun meine schwere Schuld genau: 
Ich brachte immer dir die gleiche Frau. 

K ö n i g: 
Das nennst du Schuld? Was du mir angekündigt, 
Daß ich mit einer einzigen Frau gesündigt, 
Es macht die Sündenlast schon viel geringer. 
Ich danke dir! Nur eine fremde Frau! . . . 

Kanzler: 
Mein Herr und Fürst! Du hörtest nicht genau! 
Von einer fremden Frau war nicht die Rede, 
Dir wohlbekannt war diese edle Dame. 

Koni g: 
Es war doch nur ein einziger Ehebruch . . . 
Von dieser Schuld löst mich des Bischofs Spruch. 
Willst du mir nicht des Weibes Namen nennen? 

Celesta: 
Wärst du nicht blind, du müßtest sie erkennen! 
Ich war es, die im Dunkel zu dir schlich! 

Kanzler: 
Celesta war es. Nun bestrafe mich! 

König 

(verwirrt): 

Das ist nicht möglich! Nein, das kann nicht sein! 
Dies Wesen, spröd und kalt %me Marmelstein . . . 

Celesta: 
Das war die Strafe, die ich mir ersonnen. 
Versiegt war dir der Liebe Freudenbronnen, 
Kein fremder Kuß könnt' mir mein Gut zerstören, 
Dein Lieben mußte immer mir gehören. 
Denn immer war mein Trachten und mein Sinnen, 
Mir deine Liebe wieder zu gewinnen. 



156 



K ö n i g 

(jubelnd): 

So hat der Wahn als Wahrheit sich erwiesen, 

Du warst es und ich Tor, ich wüßt' es nicht! 

Die Pforten einer neuen Welt der Liebe 

Gehn strahlend auf . . . ich seh' das goldne Eden. 

Ich bin kein Sünder und kein Ehebrecher, 

Mein wartet nicht der Hölle strenger Rächer, 

Ich bin von jeder Schuld befreit! 

Komm an mein Herz, du lieber, guter Kanzler, 

Des Treue alle Treue überstrahlt! 

Wie mach' ich dich für diesen Dienst bezahlt?! 

Die offnen Augen heb' ich zu den Sternen, 

Ich fühV mich wieder ganz und stark und frei. 

Die Liebe jauchzt mit tausend Jubelchören: 

'Nie soll mich wieder Eifersucht betören. 

(Celesta umarmend.) 
Welch einer Hölle hast du mich entrissen! 
Wie froh mein Herz! Wie leicht ist mein Gewissen! 

Celesta: 

Auch ich kann wieder atmen! Und dein Glück 
Bringt mir das meine tausendfach zurück! 

Kanzler: 

Verzeih', o König, daß ich deinen Jubel 

Mit ernsten Staatsgeschäften unierbreche. 

Der Marschall war heut' Nacht bei unserm Heere, 

Durch schlaues Wort die Führer all zu binden. 

Das Heer hält fest und treu zu dir allein, 

Die Obristen sind draußen, um dich wieder 

Der unbedingten Treue zu versichern. 

K ö n i g: 

Nach so viel Lug und schmählichem Verrat 
Strahlt wieder mir die Sonne aller Treue. 
Laß alle ein, den ganzen Hof, den Herzog, 
Die Herzogin, den Maler und den Marschall. 



157 



Kanzler 

.(öffnet die Türe): 

Der königliche Hof hat einzutreten 

Und alle, die die Majestät gebeten. 
(Der ganze Hof, Trabanten, Offiziere, der Marschall, der Herzog und die 
Herzogin, der Maler, Marietta, treten ein. Der König ladet die Königin 
ein, an seiner Seite Platz zu nehmen. Sie will den einfachen Sessel für 
sich in Anspruch nehmen. Der König nötigt sie mit sanfter Gewalt auf 
den reichgeschmückten Stuhl, der etwas erhöht ist.) 

Letzte Szene. 

Koni g: 
Der tiefsten Reue voll und schon Erlösung 
Im Herzen, dankbar, frommen Sinns, erklär' ich 
Vor aller Welt: ich habe meiner Frau 
Ein schweres Unrecht abzubitten. Schuldlos, 
Ganz rein und ohne Makel ist Celesta. 
Ich beuge mich vor ihr. Demütig küss' ich 
Den Saum des Kleides, das die Edle trägt. 
Als Königin des Herzens und des Reiches 
Krönt sie die eigne Tugend und ihr eigner Wert. 
(Kniet nieder und küßt den Saum ihres Geivandes.) 
(Er wendet sich an den Herzog:) 
Du, Herzog, hast den König arg verraten. 
Zur Strafe mach 7 ich dich zum Feldmarschall. 
Dies geV ich heute noch dem Heere kund. 
Nach Lösung deiner freventlichen Ehe 
Erhältst du eine andre Herzogin — Marietta. 
Ich sprech' ihr heute Rang und Adel zu. 

Herzog: 
Ich bin verwirrt. Zu viel der Gnade, Majestät. 

Marietta: 
Ein Traum, der glänzend in Erfüllung geht . . . 

K Ö n i g: 
Du, Maler, adlig schon durch deine Kunst, 
Wirst dich mit deinem Ideal vermählen; 

158 



Und will Carina ihren Rang behalten, 
So wähle dir den Rang, der dir beliebt 

Carina: 
Ich will den Mann allein, wie er auch heiße. 

Maler: 
Besitz' ich sie, haV ich den höchsten Rang. 

Koni g: 

Die Ordnung dieser Frage laßt der Zukunft. 
Ich danke Euch, ihr lieben, guten Freunde, 
Durch deren Trug mein Glück zustande kam. 
Dem Kanzler kann ich Ärmster gar nichts bieten, 
Wo andre reich beschenkt, zieht er nur Nieten. 
Daß ich ihm ewig dankbar bin und bleib\ 
Das gilt für mich und für mein treues Weib. 

(Der Kanzler verneigt sich stumm.) 
Gern hättf ich ihn ernannt zum Majordomus, 
Doch herrschen will ich selbst in diesem Reich. 
Dies, Marschall, sei Euch feierlich versichert. 
All meine Freunde haben mich betrogen, 
Ihr wart der Ehrliche an diesem Hofe. 
Gebt jetzt dem Herzog Euern Degen, Marschall! 
Ihr geht ins Kloster, wo Ihr hingehört. 
Dort betet emsig für mein Seelenheil. 

(Der Marschall xcird von zwei Offizieren abgeführt.) 
Euch aber, die Ihr liebt, will ich noch warnen: 
Habt niemals ein Geheimnis vor einander. 
Celesta wird die Warnung Euch erklären . . . 

Celesta: 

Lies doch das Sinngedicht im Medaillon! 
Vorahnend ändert 1 ich des Spruches Sinn. 

König 
(liest): 

„Lieb' ich den König? 16 



(59 



Celesta: 
Falsch deklamiert! „Lieb' ich den König?" 

König 

(lächelt verständnisvoll und liest): 

Lieb' ich den König? Ich UeV ihn sehr. 
Den Ritter lieb ich noch viel mehr. 
Der nicht regiert, den Erdensohn, 
Mehr als den König und den Thron. 
Nun offen ihm und mir bewußt, 
Trag' ich's beseligt auf der Brust. 

Koni g: 
So soll es immer sein, 
So wollen wir es halten. 
Nur in der Wahrheit kann 
Die Liebe sich entfalten. 
Sie ist das goldne Seil, 
Das Gott und Mensch verbindet, 
Er sinkt in dunkle Nacht, 
Wenn ihm das Seil entschwindet. 
Der Sterne Glanz erlischt, 
Die trüben Nebel brauen, 
Die Stufen sinken ein, 
Die sich zum Himmel bauen. 
Doch wer das goldne Seil 
Mit starken Armen hält, 
Der hebt den trunkenen Blick 
Zu einer schönern Welt. 
Wir halten es nun fest! 
Es soll uns nie entgleiten! 
So wirkt die Liebe fort 
Durch alle Ewigkeiten. — 

Ende. 



160 




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